Interviews

Duo Compagni

Interview mit Nareh Arghamanyan für klassikhören.de

Frau Arghamanyan, Sie sind mit Ihrem Album „Femmes de Légende“ für den OPUS Klassik nominiert. Was bedeutet das für Sie?

Die Nominierung bedeutet mir viel, vor allem als Wertschätzung für ein Projekt, das mir persönlich so am Herzen liegt.

„Femmes de Légende“ war eine echte Entdeckungsreise. Natürlich kannte ich einzelne Werke von Komponistinnen, aber je tiefer ich eingetaucht bin, desto mehr wunderbare Musik habe ich entdeckt. Immer wieder habe ich gefragt:

Warum werden diese Werke so selten gespielt? Warum sind manche dieser Namen selbst unter Musikliebhabern kaum bekannt?

Es ging mir dabei nicht darum, eine Botschaft zu vermitteln oder eine Lücke zu füllen. Sondern darum, Musik zu teilen, die mich selbst tief berührt.

Dabei geht es nicht um Anerkennung oder Ruhm. Meine Priorität ist Authentizität und die Fähigkeit, eine echte Verbindung zum Publikum herzustellen. Wenn Menschen Musik entdecken, die sie vorher nicht kannten, dann ist schon etwas Schönes gelungen.

Sehen Sie sich durch diese Nominierung in Ihrer Arbeit und in Ihrem Einsatz für die weitgehend nur wenig bekannte Klaviermusik von Komponistinnen wie Cecile Chaminade, Johanna Senfter, Louise Farrenc und anderen bestätigt?
Ja. Als Künstlerin steht man immer wieder vor einer Wahl: Bleibe ich auf dem vertrauten Pfad des großen Repertoires? Oder wage ich mich hinaus auf weniger bekanntes Terrain?
Mir ist wichtig, vergessenen Stimmen erneut Gehör zu verschaffen. Aber nicht, um Bekanntes gegen Unbekanntes auszutauschen. Ich liebe das etablierte große Klavier-Repertoire und will es durch Neuentdeckungen erweitern.
Jedes Projekt ist eine Reise durch eine geheimnisvolle Welt. Die Aufgabe des Künstlers ist es, den Zuhörer auf eine Entdeckungsreise einzuladen. Ich habe oft das Gefühl, mit der einen Hand den Zuhörer und der anderen die Komponistin oder den Komponisten zu halten. Und eine Brücke zu schlagen zwischen diesen Welten. Der Künstler sagt gewissermaßen: „Komm, ich möchte dir etwas zeigen. Ich möchte dir eine Welt eröffnen.“
Die Opus Klassik Nominierung zeigt mir: Das Publikum und die Musikwelt sind offen für solche Entdeckungsreisen. Sie kommen mit. Sie hören hin. Und das ist einfach fantastisch.

Kommt nach so einer Nominierung der Gedanke an einen zweiten Teil dieses erfolgreichen Projekts auf? Gäbe es denn noch weitere Stücke von Komponistinnen, die Sie gern noch aufnehmen würden? Wenn ja, welche?
Ja: Während der Arbeit an dem Album habe ich mehr wunderbare Musik entdeckt, als auf einer einzigen CD Platz finden könnte. Besonders am Herzen liegen mir Komponistinnen wie Louise Farrenc, Anne Louise Brillon de Jouy, Maria Herz, Agathe Backer-Grøndahl, Marianna Martines und Henriette Bosmans. Gleichzeitig fasziniert mich auch die Musik unserer Zeit: die Kompositionen von Lera Auerbach, Johanna Doderer und Caroline Shaw.
Aber es geht nicht einfach nur um eine Fortsetzung, ein zweites Kapitel. Viel wichtiger ist: Welche Geschichte wollen wir als Nächstes erzählen?

Wahrscheinlich hat sie die OPUS Klassik-Nominierung aber in einer ganz anderen Phase Ihres Lebens erreicht – woran arbeiten Sie gerade?
Das stimmt. Ich höre immer mehr die Geschichten, die in und hinter der Komposition und dem Klavierklang verborgen liegen. Und dann versuche ich, genau diese Geschichte an die Zuhörer weiterzugeben. Ohne Umwege. Einfach nur so, wie sie zu mir gekommen ist.
Dabei bewegt mich nicht nur das einzelne Werk. Mich bewegt der Raum zwischen den Werken. Die Stille dazwischen. Die Dialoge, die entstehen, wenn Musik, Literatur, Malerei und Tanz miteinander zu sprechen beginnen.
So habe ich zum Beispiel für mein Liszt-Rezital in Luxemburg Bilder von Caspar David Friedrich zu den Klängen von Sonetto 104 di Petrarca gestellt. Nicht um zu zeigen, sondern um zu fragen: Was passiert, wenn zwei Künste dasselbe Gefühl umkreisen?

Youtube-Link: Liszt: Sonetto 104 del Petrarca | Nareh Arghamanyan
Ein Konzert ist mehr als eine Abfolge von Stücken. Es ist eine Reise durch Gedanken, durch Bilder, Emotionen. Oft kommen Zuhörer vorbelastet ins Konzert, bepackt mit Ängsten, Sorgen, Problemen, Stress, manchmal mit Krankheiten. Da haben wir als Künstler eine ganz große Aufgabe: die Seelen ein wenig zu entlasten. Einen Augenblick lang Entspannung anzustreben. Vielleicht sogar ein bisschen Glück zu vermitteln. Nicht weil wir etwas Besonderes können. Sondern weil die Musik es kann.
Derzeit arbeite ich an Projekten rund um die Kunst der Transkription. Ich liebe die Idee, dass Musik verwandeln kann. Dass ein Lied, ein Orchesterwerk, manchmal sogar ein Gedicht auf dem Klavier ein neues Leben finden können. Es ist faszinierend, wie aus dem Klavier eine Flöte wird, ein Cello, ein ganzes Orchester. Wie ein einziges Instrument so viele Stimmen sprechen lassen kann.
Mein nächstes Album ist gerade fertig geworden: Transkriptionen zu Themen von Johann Strauß. Bearbeitungen von Schütt, Rosenthal, Grünfeld, Dohnányi, Schulhoff, Godowsky. Jeder hat auf seine Weise den Walzer ins Klavier übersetzt. Mal funkelnd, mal sehnsüchtig, mal melancholisch, mal voller ironischer Verbeugung vor dem Walzerkönig. Es ist, als ginge man durch einen Spiegelpalast: überall bekannte Melodien, aber eben anders: verfremdet, verwandelt, neu erzählt. Da kommen Poesie, Entdeckung und Virtuosität in einem zusammen. Mein nächstes Projekt ist Liedtranskriptionen von Frederic Meinders gewidmet, den ich sehr verehre. Auch seine fantastischen Bearbeitungen von Robert Schumanns Dichterliebe für Solo-Klavier verehre ich sehr.

Wenn Sie einmal auf Ihre Karriere zurückblicken, in der es sicherlich mancherlei Widerstände zu überwinden gab, was bedeutet es Ihnen, wenn Sie merken, dass die Projekte, die Sie veröffentlichen, Anerkennung erfahren?
Wir sind oft lange Zeit alleine mit einer Idee. Wir sitzen am Klavier, spüren einen Klang, einen Gedanken und niemand sonst weiß davon. Es ist ein zartes Etwas, das man behütet und wachsen lässt.
Wenn dann Anerkennung kommt, empfinde ich das weniger als persönliche Bestätigung. Vielmehr ist es ein Zeichen dafür, dass die Idee ans Licht gekommen ist. Dass der Klang, den ich gehört habe, auch von anderen wahrgenommen wird. Dass die Geschichte, die mich bewegt hat, auch Andere berührt.
Als Künstler sollten wir anstreben, Erfolg neu zu definieren. Es geht nicht um Zahlen, Auszeichnungen und Applaus. Ein Konzert ist gelungen, wenn wir das Gefühl haben, ehrlich gewesen zu sein. Wenn wir uns nicht hinter Virtuosität oder Routine verstecken. Und wenn eine echte Verbindung entstanden ist: ein Dialog zwischen uns und den Menschen im Saal. Ein Augenblick, der verweilt, in dem wir gemeinsam etwas fühlen. Dann hat sich die Einsamkeit gelohnt.

Ihr erstes Album erschien 2009 – was hat sich aus Ihrer Sicht seitdem auf dem Klassikmarkt geändert? Stimmt es, was alle sagen, dass alles nur schwieriger, schneller, unkonzentrierter geworden ist? Oder gab es in den Jahren seit Ihrem ersten Album auch Entwicklungen, die Sie positiv hervorheben möchten?
Die Musikwelt hat sich enorm verändert. Streaming und soziale Medien haben vieles demokratisiert und Künstlern neue Möglichkeiten eröffnet, ihr Publikum direkt zu erreichen.
Gleichzeitig ist die Aufmerksamkeitsspanne kürzer geworden und die Konkurrenz um Aufmerksamkeit beim Publikum größer. Die Herausforderung besteht darin, sich selbst dabei nicht zu verlieren. Vielleicht ist unsere Aufgabe neue Wege zu nutzen, ohne die alten Werte zu vergessen: Die Tiefe, die Geduld, die Hingabe an den Klang.


Zumindest scheint es so zu sein, dass Musik allein nicht mehr auszureichen scheint, um als Musiker heute Öffentlichkeit zu bekommen. Igor Levit engagiert sich neben seiner Musik auch in der Politik, Yuja Wang wird neben ihrer Solistenkarriere mit dem Thema Mode in Verbindung gebracht, Boris Giltburg macht auch als Fotograf von sich reden und hat Ausstellungen mit seiner Fotografie – was ist Ihr „Steckenpferd“, von dem vielleicht noch keiner etwas weiß oder widmen Sie sich wirklich ausschließlich der Musik?
Musik steht im Zentrum meines Lebens. Sie ist mein Zuhause, meine Sprache, meine tiefste Art zu sein. Aber sie ist nicht alles, was mich atmen lässt.
Vielleicht überrascht es, dass ich neben Musik auch Theologie und Religionswissenschaften tief gewidmet bin. Das ist ein Teil von mir, den man nicht sieht, wenn ich am Klavier sitze.
Ich kenne über 50 Psalmen von König David auswendig. Sie sind für mich wie alte, vertraute Lieder: voller Klage, Jubel, Sehnsucht nach dem Unsichtbaren. Gott hat für mich größte Bedeutung. Nicht als Antwort auf alle Fragen, sondern als die Stimme, die fragt: Warum bist du? Was suchst du?
Ich bin ein spiritueller Mensch: ich glaube an das Unsichtbare, was zwischen den Tönen geschieht. Andererseits bin ich aber auch analytisch und tauche gerne in Primärquellen ein: So habe ich die Schriften von Origenes von Alexandria und Gregor von Nyssa entdeckt: zwei bedeutende Denker der frühen Kirche. Ihre Ernsthaftigkeit, mit der sie sich den Fragen des Menschseins nähern ist beeindruckend. Sie ermutigen mich vor schwierigen Fragen nicht zurückzuschrecken. Das gilt für die Theologie. Und auch für die Musik: Musik ist Gottessprache. Und wie Bach sagt: Soli Deo Gloria. Sowohl in der Kunst als auch in der Spiritualität geht es darum, hinter die Kulissen zu schauen. Nach einer tieferen Wahrheit zu suchen, die man spürt, auch wenn man sie nicht sieht.
Viele meiner Ideen entstehen deshalb nicht am Klavier allein. Sondern beim Lesen. In Gesprächen. Beim Nachdenken über Dinge, die auf den ersten Blick gar nichts mit Musik zu tun haben. Und dann setze ich mich hin, spiele den ersten Ton und plötzlich ist alles da. Die ganze Welt, die mich bewegt, klingt mit.

Was machen Sie, wenn Sie den OPUS Klassik nicht gewinnen sollten? Eine Nominierung ist ja keine Garantie für den Gewinn des Preises. Wären Sie sehr enttäuscht?
Ich werde weiterhin nach Musik suchen, die berührt. Und weiter Geschichten erzählen: ehrlich und von Herzen. Und versuchen Menschen durch Musik erreichen, vielleicht sogar sie ein kleines Stück glücklich zu machen.
Das Schöne an unserem Beruf ist, dass man nie weiß, wohin die Reise führt. Dass man sich überraschen lassen muss. Denn Gottes Wege sind unergründlich…


Zur Rezension der aktuellen CD von Nareh Arghamanyan


Duo Compagni

Interview mit Anastasya Bazhenova für klassikhören.de

Frau Bazhenova, „From Mendelssohn To Madness“ lautet der Titel Ihres Debütalbums beim belgischen Label et’cetera. Was verbirgt sich hinter diesem Titel?

Der Titel beschreibt eher eine Bewegung im Programm als einen Kontrast. Das Album beginnt in einer Welt, in der die Form noch ein Gefühl der Ausgewogenheit vermittelt – bei Mendelssohn existieren Klarheit, Ausgewogenheit und ein stilles Vertrauen darauf, dass alles zusammenhält. Doch selbst in diesem Fall ist schon etwas instabil. In der Fantasie Op. 28 wird dieses Gleichgewicht immer brüchiger – es muss

nun aktiv aufrechterhalten werden und droht, zu zerbröckeln. Prokofjew treibt das noch weiter. Die Musik sucht nicht mehr nach Harmonie; sie legt vielmehr schonungslos eine Realität offen, in der alle Gewissheit verschwunden ist und in der verschiedene Gefühlszustände gleichzeitig existieren. „From Mendelssohn to Madness“ spiegelt also einen Wandel der inneren Realität wider – von der Ordnung hin zu einem Zustand, in dem nichts mehr zuverlässig Bestand hat.


Wenn man das Booklet Ihres Albums aufschlägt, findet man ja nicht die üblichen Werkeinführungen vor, sondern eine Art Beschreibung des Albumprogramms und eine Erklärung, warum Sie genau diese Werke ausgewählt haben. Könnten Sie dieses Programm für unsere Leser zusammenfassen, die das Album noch nicht in den Händen halten konnten?

Das Programm, das ich gerade schon angerissen habe, ist als durchgehende Linie aufgebaut. Es beginnt mit Mendelssohns „Liedern ohne Worte“ – Musik, die intim, destilliert und in ihrem Ausdruck fast privat ist. Die „Fantasie“ eröffnet diesen Raum und erweitert ihn, sodass die musikalische Sprache suchender und weniger zurückhaltend wird. Prokofjews Sechste Sonate verändert dann völlig die Skala – sie bringt eine andere Körperlichkeit, eine schärfere Kantigkeit und eine exponiertere Klanglichkeit mit sich. Was mich daran interessierte, war nicht ein Kontrast an sich, sondern eine Transformation – wie sich der Hörraum Schritt für Schritt verschiebt, von etwas Innerem und Zurückhaltendem zu etwas Direktem und Unausweichlichem.


Mendelssohns „Lieder ohne Worte“ sind Werke, die unzählige Male aufgenommen wurden. Ihr Programm scheint aber ein neues Licht auf diese Stücke zu werfen. Es ist, als könne man schon gleich zu Beginn des Albums den Bruch mit der Konvention ahnen, der im Verlauf des Programms folgen wird, denn im Gegensatz zu vielen anderen Pianisten spielen Sie diese berühmten Stücke nicht nur lyrisch, sondern auch mit einem bemerkenswerten „Drive“, der diese romantische Musik bemerkenswert modern wirken lässt. Wie sind Sie zu diesem interpretatorischen Ansatz gekommen?

Für mich sind diese Stücke eben nicht nur lyrisch. Es liegt immer ein Gefühl der Bewegung darunter – etwas, das nie so ganz zur Ruhe kommt. Selbst in den transparentesten Momenten spüre ich eine gewisse innere Spannung, als ob die Musik sich vorwärtsbewegt, auch wenn sie stillzustehen scheint. Der „Drive“ ist nichts, was ich hinzufüge – er wohnt der Musik inne. Er hängt auch mit der Idee des Programms zusammen, in dem diese Spannung nach und nach zum Vorschein kommt. Deshalb kann es unmittelbarer oder moderner klingen.


Ist die Gegenüberstellung von Mendelssohn und Prokofjew eigentlich aus einem Konzertprogramm entstanden, das nun als Album veröffentlicht wird, oder wie kam es dazu? Schließlich hätte man mit einem ähnlichen Ansatz sicherlich auch Schubert und Schostakowitsch gegenüberstellen können, zum Beispiel.

Das Programm entstand gar nicht aus der Idee, zwei Komponisten gegenüberzustellen. Ich suchte vielmehr nach Musik, die eine gewisse innere Intensität in sich trägt, und die Werke fügten sich in diesem Prozess nach und nach zusammen. Für mich ist Prokofjews Sechste Sonate eine der intensivsten Ausdrucksformen dieses Zustands – psychologisch komplex, unruhig und unserer Zeit sehr nahe. Mendelssohn scheint zunächst sehr weit von dieser Welt entfernt zu sein. Aber ich finde in seiner Musik auch etwas, das bereits eine ähnliche Unruhe beinhaltet, auch wenn sie zurückhaltender und weniger offensichtlich zum Ausdruck kommt. Ich habe diese Werke also nicht ausgewählt, weil sie so unterschiedlich sind, sondern weil sie vielmehr derselben Entwicklungs-Linie angehören, nur betrachtet aus zwei verschiedenen Blickwinkeln.


Während sich Künstler und Labels bis in die 1990er Jahre meist darauf konzentriert haben, besonders harmonische Programme anzubieten, deren Musik stilistisch weitgehend ähnlich war, scheint seit der Jahrtausendwende die Methode verbreitet zu sein, eher kontrastierende Musik zu präsentieren oder (wie man so sagt) sie „im Spiegel zu betrachten“ oder „einander gegenüberzustellen“. Glauben Sie, dass dies Ausdruck einer neuen Ära ist, die vielleicht sogar mit den Anschlägen vom 11. September 2001 begann und eine Zeit einläutete, in der nichts mehr sicher zu sein scheint?

Ich glaube nicht, dass diese Art der Programmgestaltung einem bestimmten historischen Moment entsprungen ist. Für mich kommt sie aus dem Inneren. Ich habe ja auch nicht mit der Idee des Kontrasts als solchem begonnen. Ich ging von einem Zustand aus – dem Gefühl, dass das, was wir „Gleichgewicht“ nennen, grundsätzlich etwas Zerbrechliches ist, etwas, das wir zu bewahren versuchen, aber nie so ganz besitzen. Mendelssohn verkörpert noch immer die Idee von Ordnung und Klarheit, einer Welt, die zusammenhält. Aber selbst dort spürt man wie gesagt schon eine Spannung unter der Oberfläche – als ob diese Stabilität bereits einige Anstrengung erfordern würde. In der Fantasie Op. 28 beginnt sich dies zu verschieben. Es ist nicht mehr stabil – es beginnt sich zu öffnen. Und bei Prokofjew wird dann alles offenbar. Die inneren Zustände sind nicht mehr verborgen – sie sind direkt, manchmal sogar regelrecht gewalttätig. Für mich geht es also nicht darum, Gegensätze nebeneinander zu stellen. Es ist eine einzige kontinuierliche Bewegung – vom Versuch, die Dinge zusammenzuhalten, bis zu dem Moment, in dem es einfach nicht mehr möglich ist. Das spiegelt weniger ein historisches Ereignis wider als eine Art, das Leben zu erfassen. Die Welt verändert sich ständig, schneller, als wir es vollständig begreifen können, und wir versuchen immer, uns anzupassen, um ein gewisses Gefühl für Form zu bewahren. Dieses Album erklärt das vielleicht nicht – aber es offenbart es durch Klang.


Was uns im Booklet des Albums definitiv gefehlt hat, sind Informationen über Sie als Künstlerin. Das ist insofern überraschend, als es heute so üblich geworden ist, dass jedes Album mit einem Text über die Interpretin veröffentlicht wird. Warum haben Sie keine Künstlerbiografie dem Album beigefügt? Und möchten Sie die Gelegenheit dieses Interviews nutzen, um uns etwas über sich und Ihren bisherigen künstlerischen Werdegang zu erzählen?

Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, keine traditionelle Künstlerbiografie in das Booklet aufzunehmen. Heutzutage wird es ja fast erwartet, dass man einen Künstler anhand von Erfolgen, Wettbewerben und formalen Meilensteinen präsentiert, aber ich fühle mich gar nicht dazu hingezogen, mich auf diese Weise zu definieren.

Für mich ist dieses Album keine Präsentation einer Karriere, sondern vielmehr ein Statement meiner künstlerischen Identität. Natürlich steckt ein langer und disziplinierter Weg dahinter, und auch ein hohes Maß an technischer Arbeit. Das ist aber einfach ein Teil dessen, was ich tue. Ich habe nicht das Bedürfnis, das groß in den Vordergrund zu stellen. Was für mich zählt, ist nicht, wie das Werk erklärt wird, sondern wie es erlebt wird. Mich interessiert Musik als ein Raum, in dem etwas Reales hörbar wird – etwas, das sich nicht auf Biografien oder Referenzen reduzieren lässt. Wenn jemand verstehen will, wer ich als Künstlerin bin, dann ist doch alles da, im Klang.


Wenn ich das richtig verstehe, leben Sie derzeit in Norwegen? Wie nehmen Sie als Pianistin die norwegische Konzertszene und die Möglichkeiten wahr, die sich dort für eine Pianistin bieten?

Ja, ich lebe in Norwegen. Dieses Land hat eine eigene starke musikalische Identität und eine tiefe Verbindung zu Komponisten wie Edvard Grieg, bei dem das Klavier eine zentrale Rolle spielte. Was ich hier sehr charakteristisch finde, ist weniger die Menge an Veranstaltungen des Konzertlebens, sondern vielmehr die Atmosphäre, die es hier gibt. Viele Aufführungen finden in kleineren Veranstaltungsorten statt, oft in Kirchen, wo die Akustik eine sehr direkte Verbindung zwischen Klang und Zuhörer schafft. In diesen Räumen herrscht eine besondere Stille, eine Art konzentrierter Aufmerksamkeit, die es der Musik ermöglicht, sich ohne Ablenkung zu entfalten. Das Publikum ist sehr präsent, sehr aufmerksam. Für eine Pianistin schafft das ein Umfeld, in dem es nicht um Selbstdarstellung geht, sondern um Konzentration und Tiefe.


Mit Martin Abrahamsen hatten Sie einen Toningenieur, der nicht auf klassische Musik spezialisiert ist, sondern sich auch in anderen Genres – von Gospel über Pop bis hin zu Folk – einen Namen gemacht hat. War das eine bewusste Entscheidung Ihrerseits, nicht unbedingt mit einem Produzenten aus der Klassikszene zusammenzuarbeiten? Und wenn ja: Was hofften Sie davon zu bekommen, was ein auf klassische Musik spezialisierter Produzent Ihnen nicht geben konnte?

Ja, das war tatsächlich eine ganz bewusste Entscheidung. Ich war nicht an einem rein traditionellen klassischen Produktionsansatz interessiert. Für dieses Programm war es mir wichtig, dass der Klang nicht übermäßig poliert oder festgefahren wirkt, sondern eine gewisse Offenheit und Sensibilität bewahrt. Martin hat ein sehr feines Gehör und eine Art des Zuhörens, die über stilistische Grenzen hinausgeht – er reagiert auf den Klang selbst und nicht auf vordefinierte Vorstellungen davon, wie er gestaltet werden sollte. Das ermöglichte mir eine flexiblere und nuanciertere Aufnahme, die enger auf die innere Bewegung der Musik abgestimmt ist. Mir war außerdem ganz klar, was ich wollte: nicht, dass ich aus der klassischen Welt heraustreten wollte, aber im Aufnahmeprozess wollte ich ein präzises Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Freiheit finden.


Was ebenfalls auffällt, ist das äußerst professionelle und gut gemachte Videomaterial zu dem Album. Was halten Sie davon, dass es heute fast automatisch erwartet wird, dass solche Video-Trailer und Musikvideos auch in der Klassik zu einem Album irgendwie „mit dazu gehören“? Ist das eher ein zusätzlicher Druck für Künstler, die neu in der Musikszene sind, oder überwiegen die Vorteile, weil die Videos es ermöglichen, das Konzept eines solchen Albums weitergehend zu vermitteln?

Ich jedenfalls habe das nicht als Druck empfunden. Für mich war die visuelle Dimension auch nicht etwas, das dem Album „hinzugefügt“ wurde – sie war von Anfang an Teil des künstlerischen Prozesses. Ich trenne Klang, Bild oder Präsenz nicht voneinander; es ist alles Eins. Ich habe sehr eng mit dem Videographen zusammengearbeitet, und das Wichtigste war, dass wir uns intuitiv verstanden haben. Das Ergebnis entstand aus dieser gemeinsamen Sensibilität, nicht aus irgendeiner Verpflichtung, Inhalte zu produzieren. Das Gleiche gilt für das visuelle Konzept der Fotografien. Z.B. die roten Noten, die man sieht, wenn man die CD aufklappt, wurden gemeinsam mit dem Fotografen entwickelt und wurden zu einem zentralen Element der Bildsprache. Sie sind nicht einfach dekorativ – sie wirken eher wie ein Eindringen, wie Klangfragmente, die nicht mehr zur Ordnung gehören, sondern beginnen, eigenständig zu existieren. Sie vermitteln ein Gefühl der Instabilität, als würde etwas unter der Oberfläche brodeln. Diese Idee setzt sich im Video fort, wo die visuelle Welt das erweitert, was in der Musik bereits vorhanden ist. Ich betrachte diese Visualität also nicht als etwas, das außerhalb des Albums steht – es ist derselbe Prozess, der sich in verschiedenen Formen entfaltet, wobei Klang, Bild und Präsenz zu einer einzigen fortlaufenden Geste verschmelzen.


Was sind deine Pläne für die Zeit nach der Veröffentlichung des Albums? Werden Sie das Programm auch live in Konzerten aufführen, auch außerhalb Norwegens?

Ja, die Live-Aufführung dieses Programms ist eine ganz wesentliche Erweiterung des Albums. Die Aufnahme ist eine Form – aber vor Publikum verändert sich alles wieder völlig. Ich werde das Programm in zwei Releasekonzerten präsentieren: in Oslo im Gamle Raadhus Scene, einem der ältesten Kulturräume der Stadt, und in London im 1901 Arts Club, einem Veranstaltungsort im Salonstil, der eine sehr direkte Verbindung zum Publikum ermöglicht. Aber für mich beginnt hier die Arbeit erst richtig. Auf der Bühne wird das Programm zu etwas Lebendigem – etwas, das sich verändern, intensivieren und jedes Mal eine andere Form annehmen kann. Hier entfaltet es seine volle Dimension.

Duo Compagni

Interview Duo Compagni für klassikhören.de

Klassische Musik hat gerade im Bereich Kammermusik viel zu bieten, und das reicht wesentlich weiter als die bekannten Besetzungen Violine und Klavier oder Streichquartett. Auch außergewöhnliche Instrumentalkombinationen können vorkommen, und das Duo Compagni, bestehend aus Siegfried Jung und Susanne Endres hat sich der Kombination von Tuba und Klavier verschrieben. Wie es dazu kam, erzählt Tubist Siegfried Jung im Interview mit klassikhören.de

Herr Jung, mit Ihrem Duo Compagni spielen Sie in der ungewöhnlichen Besetzung Tuba und Klavier. Die Tuba gilt vielen als eher behäbiges Blasinstrument, weil man das Instrument oft nur in Blaskapellen und Spielmannszügen wahrnimmt. Wie kamen Sie darauf, das ganz erstaunliche virtuose Potenzial der Tuba voll auszuschöpfen?

Ich habe selbst in der Blaskapelle begonnen Tuba zu spielen. Das war mir aber einfach nicht genug, und deshalb habe ich mich weiterentwickelt. Zuerst bei „Jugend musiziert“, solistisch mit Klavier und im Ensemble mit weiteren Blechblasinstrumenten. Dann wurde ich Mitglied im Landesjugendorchester Rheinland-Pfalz und beschloss, Tuba zu studieren. Neben meiner hauptberuflichen Tätigkeit am Nationaltheater Mannheim spiele ich sehr gerne Kammermusik mit Klavier, oder Harfe. Auch der Blasmusik bin ich treu geblieben. Ich bin Mitglied der Original Egerländer Musikanten.

 

Sie sind es gewöhnt, mit Spitzenorchestern zu spielen, wirken u.a. auch im Orchester der Bayreuther Festspiele mit, aber ihre Leidenschaft gilt, wie Sie schon sagen, vor allem auch der Kammermusik. Beim „Duo Compagni“ geht es aber um Kammermusik. Erzählen Sie uns mehr über dieses Duo!

DUO COMPAGNI ist nicht einfach ein Job für mich. Da steckt ganz viel Seele und Emotion dahinter. Die Pianistin Susanne Endres hat einfach besondere Fähigkeiten am Klavier. Sie formt den Klang und passt ihn an jedes Genre individuell an. Wie der Name schon sagt, wir sind Gefährten seit nunmehr dreißig Jahren. Man versteht sich blind und muss gar nicht über die Musik sprechen. Die Musikdarbietungen entstehen auf einer höheren Ebene.

 

Welche Klangfarben bietet die Kombination Tuba und Klavier, die andere Duo-Kombinationen mit Klavier vielleicht nicht aufweisen?

Man ist überrascht, welches Klangspektrum so eine Tuba mit sich bringt. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt, so dass das Klavier in allen Lagen und Lautstärken ein vielseitiger Partner ist. Wer die Tuba bisher eher als ein tiefes Begleitinstrument wahrgenommen hat wird nun in neue klangliche Dimensionen entführt, die man so bei gewohnten Duokombinationen, wie z.B. Geige/ Klavier noch nicht gehört hat.

 

Als Tubist hat man ja das Problem, dass die Tuba erst nach der Zeit der Wiener Klassik erfunden wurde. Viele der beim Publikum populärsten Komponisten wie Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert, stehen somit nicht zur Verfügung. Gleichzeitig ist es aber häufig genau das, was das Publikum erwartet. Wie gehen Sie damit um?

Wir versuchen das Publikum mit Neukompositionen zz überraschen, teils extra für uns komponiert. Es kann passieren, dass die Zuhörer Zeitzeugen einer Uraufführung werden, was natürlich immer etwas Besonderes ist.

Auch ein Ave Maria von Astor Piazzolla kann über die fehlende Beethovenkomposition hinwegtrösten.

Wir sind jedoch auch in der Lage ein Hornkonzert von Strauss oder ein Flötenkonzert von J. S. Bach auf die Bühne zu bringen.

 

2024 hatte der deutsche Musikrat die Tuba zum Instrument des Jahres ausgerufen. Gab es durch diese zusätzliche Aufmerksamkeit positive Effekte, die bis heute nachhallen?

Dieses Jahr trug dazu bei, den Fokus auf die Tuba auch als Soloinstrument zu lenken.

Berührungsängste mit einem unterschätzten Instrument wurden auch von Seiten der Veranstalter etwas abgebaut.

 

Bei ihren Konzerten spielen Sie aktuell ein Programm mit dem Titel „Tango und Balkan“. Das eine verbindet man für gewöhnlich mit Argentinien, das andere ist eine Region im Osten Europas – wie schaffen Sie den musikalischen Spagat zwischen diesen Welt-Regionen?

Die Musik schafft selbst die Verbindung zueinander. Gleichzeitig sind sowohl der Tango, als auch die Musik vom Balkan geprägt von Volksmusik und volkstümlicher Musik. Der Tango betrifft ganz Südamerika und kann in sehr unterschiedlichen Farben glänzen. Der einzigartige Rhythmus macht den Tango unsterblich. Der argentinische Komponist Gerardo Gardelin hat einen ganz eigenen Charakter in Sachen Tango entwickelt und hat schon mehrfach für mich für die Tuba komponiert.
Ein paar flotte und lockere Balkanrhythmen laden darüber hinaus zum Mitwippen ein. Der Name DUO COMPAGNI steht nämlich vor allem auch für Spielfreude und Leidenschaft.

 

Was kann man als Hörer bei einem Konzert mit dem Duo Compagni erwarten?

Die Zuhörer können sich auf ein temperamentvolles Programm aus den Genres Balkan und Latin freuen. Was das Duo Compagni eint, ist das Gefühl für Rhythmus, bzw. Metrik, Klangvorstellung und die Freude am Musizieren. Eine musikantische Natürlichkeit lässt die Werke nicht komplex sondern leicht zugänglich wirken.

 

Auf Ihrem letzten Album, das beim Label Hänssler Classic erschienen ist, haben Sie sich auch ganz der Musik Lateinamerikas gewidmet, die mit dem Klang der Tuba überraschend gut harmoniert. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den tiefen Blasmusikklang mit Tango und anderen lateinamerikanischen Stilen zu verbinden?

Als Rhythmusinstrument ist die Tuba aus Blas- und Sinfonieorchestern nicht mehr wegzudenken.

Charakteristisch für die lateinamerikanische Musik ist ihre rhythmische Komplexität sowie leidenschaftliche Melodien, die eine tiefe Ausdruckskraft erzeugen.

Genau das schreibt sich auch das Duo Compagni auf die Fahne.

 

Was sind Ihre Pläne für die nähere Zukunft?

Wir möchten auch weiterhin viele Konzerte im In- und Ausland spielen, damit die Tuba möglichst vielen Menschen im Ohr bleibt.