Rezensionen

Dora Deliyska

Encore!

Dora Deliyska

hänsslerCLASSIC HC25062 (1 CD)

Ein Hoch auf die Zugabe! 


Schon als Kind weiß man bereits, dass am Ende eines jeden Konzertes etwas Besonderes kommt. Ein Musikstück, dass wie bei einem Wettbewerb vom Künstler gefordert wird. Je lauter und länger geklatscht wird, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Pianist oder welcher Künstler auch da vorne steht, noch ein weiteres Stück spielen wird, oder vielleicht auch zwei oder drei. Ähnlich wie auf der Theaterbühne am Ende die Anzahl der Vorhänge eine Aussage darüber geben sollen, wie künstlerisch wertvoll und emotional ansprechend das Vorgetragene war, so sind es bei den Pianisten die Zugaben, die vermeintlich über dessen Klasse eine Aussage treffen sollen, und wenn diese auch noch entsprechend virtuos erklingt, umso besser. Es ist zu vermuten, dass dies kaum im Sinne der Musiker sein kann. Über Intention und Daseinsberechtigung von Zugaben wird seit langem und vielfach diskutiert. Konsens ist, dass, wenn ein solches Anhängsel das Konzert verlängern soll, es weise gewählt sein will, um nicht mit übertriebener Fingerfertigkeit den Rahmen zu sprengen oder auch mit einer politischen Konnotation den ganzen Abend zu überhöhen.
Sehr erfreulich ist daher, dass die Pianistin Dora Deliyska, die bereits für ihre Konzeptalben bekannt ist, auf ihrer neuen CD „Encore!“ keine Rausschmeißer versammelt, sondern nur solche Werke ausgewählt hat, die ein hohes Maß an Kontemplation besitzen. Darüber hinaus hat sie eine Aufteilung in drei Blöcke vorgenommen, die viel über den persönlichen Stil der Pianistin aussagt: Werke von Schubert, Werke, die besondere Klangfarben des Pianos herausstellen sollen und ein letzter Teil mit romantischer und virtuoser Musik. Daraus ergibt sich im Ganzen betrachtet so etwas wie ein eigenständiges Musikstück mit drei Sätzen, dessen virtuoses Schlussstück, eine „Toccata“ von Pierre Sancan, nun gleich wie eine Zugabe der Zugaben wirkt. Mit diesem Gesamtkonzept stellt Deliyska eindrücklich klar, dass für sie eine Zugabe eher weniger ein Kehraus oder Gassenhauer sein sollte, sondern vielmehr eine Musik, die sich abhebt vom Programm des vor dieser erklungenen Konzertes, eine andere Nuance des künstlerischen Ausdrucks der Pianistin und das eben auch z. B. mit solchen eher schlicht wirkenden aber inhaltsreichen Werken wie der „Impromptu in As-Dur“ von Franz Schubert.
In die Reihe der vier Schubert Werke des ersten Teils gesellt sich auch eine Klaviertranskription des ersten Satzes von Schuberts „Unvollendeter“, bei der es auch hier eben nicht um das spielerisch-virtuose geht, wie bei Sinfonie Transkriptionen oftmals, sondern vielmehr um den Ausdruck, der mit den Mitteln des Klavierklangs erreicht werden kann, und das gelingt Dora Deliyska hervorragend, indem sie Schuberts „Unvollendete“ zum Klavierstück umzuformen vermag.
Im folgenden zweiten Teil des Programms sind zwei Werke von Arvo Pärt eingearbeitet. In diesen Miniaturen beweist Dora Deliyska ihr wundervolles Vermögen den einfachen Melodien eine beseelte Sinnlichkeit und fast schon eine Stimmung nordischer Weitläufigkeit zu entlocken. Wie sehr würde man sich wünschen, nachdem die letzten Akkorde eines Scherzos oder Allegros des Konzertprogramms verklungen sind, zum Abschluss mit einer solchen kontemplativen Anregung in die Nachdenklichkeit des Abends entlassen zu werden.
Dora Deliyska, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, darunter den Supersonic Award, überzeugt durch ihr durchdachtes und in sich stimmiges Spiel. Bei Schubert, Rachmaninov und Liszt fließt diese Art Romantik durch ihre Finger, die berührt ohne zu übertreiben. Pärt ist klar, feinfühlig und eingängig gezeichnet. Bach wirkt konturiert mit einem wohlabgestimmten non legato. Besonders bemerkenswert zeigt sich Rachmaninovs „Moment Musical Nr. 5“, bei dem Dora Deliyska bei gleichzeitig erklingenden Tonhöhenlagen die unterschiedlichen Klangfarben dieser Lagen intensiv hörbar macht. Im letzten Teil strahlt Piazzollas „Tardecita Pampeana“ feierlich und für die Freunde virtuoser Fußwipper hat die Pianistin mit viel Vergnügen Fazil Says jazzige Fassung des „Alla Turca" Marschs eingefügt.   
Vollkommen unabhängig von der musikalischen Leistung ist die Gestaltung des Booklets kritikwürdig. Auf die übliche Vorgehensweise, die Tracklist im Booklet mit erweiterten Informationen abzudrucken, wurde hier verzichtet und man muss sich mit der Auflistung auf dem Rückencover begnügen, die ein wenig unordentlich und teilweise schwer leserlich geraten ist und in der einige Informationen fehlen. So ist z. B. erst dem Fließtext zu entnehmen, dass es sich bei der Transkription des Schubert Sinfonie-Satzes um eine von Deliyska selbst erstellte Bearbeitung auf Grundlage der Übertragungen von Carl Reinecke handelt.
Wer bei „Encore!“ eine Sammlung schmissiger und virtuoser Bravournummern erwartet hat, wird enttäuscht. Beglückt wird hingegen jener, der sich intensiver mit dem Thema Zugaben auseinandersetzen möchte und sich eine abgerundete Sammlung gehaltvoller Miniaturen erhofft hat. Denn die finden sich auf diesem besonderen Album von Dora Deliyska ausgelotet, kontrastreich und pianistisch eindrucksvoll interpretiert. 


Jakob Dunkelmann (20.2.2026)



Bella Furia - selten aufgeführte Arien von Paisiello, Piccinni, Mozart und Salieri

Shira Patchornik, CHAARTS Chamber Artists, David Castro-Balbi

Solo Musica SM553 (1 CD)

Rasende Gefühle 


„Furie di donna irata“ tobt die Marchesa Lucinda im ersten Akt von Niccoló Piccinnis Oper „La buona figliuola“. Ihr Bruder möchte eine Gärtnerin heiraten und Lucinda will die unstandesmäßige Verbindung verhindern. Wut und Rachegelüste äußern sich in besagter Bravourarie, die gespickt ist mit Koloraturen und vokalem Zierrat aller Art. Ganz andere Gefühle bewegen Susanna in Mozarts „Figaros Hochzeit“. In dem Rezitativ und Rondo „Giunse alfin.. .. Al desio“, das die bekanntere „Rosenarie“ in der Wiener Wiederaufnahme 1789 ersetzte, macht die Zofe ihrem Geliebten eine doppelbödige zärtliche Liebeserklärung. Die beiden Arien sind in dem klug konzipierten Debütalbum „Bella Furia“ von Shira Patchornik enthalten. Die aufstrebende israelische Sopranistin und Gewinnerin zweier renommierter Gesangswettbewerbe, die sich bis jetzt vorwiegend im Barockfach einen Namen gemacht hat, widmet sich darin eher selten gespielten Opern aus der Mozartzeit. In der Zusammenstellung beleuchtet sie das Seelenleben von weiblichen Adligen und Bediensteten und knüpft dabei interessante Querverbindungen: so singt sie etwa zwei Soli aus „La serva onorata“, der 1792 uraufgeführten neapolitanischen Version des Figaro-Stoffes in der Vertonung von Piccinni. In „Ah ceffaccio d’assassino regt sich die Dienerin Livietta über die Avancen des Grafen aus, in „Dove sono“ (der Text ist mit dem von da Ponte fast identisch) erinnert sich die Contessa an glückliche frühere Zeiten mit ihrem untreu gewordenen Ehemann. All diese Szenen sind Ausdruck unterschiedlichster Gemütszustände, die Shira Patchornik Gelegenheit bieten, eine ganze Bandbreite von Gefühlen auszuloten. Die stimmlichen Voraussetzungen und die sichere Technik dafür hat sie: sie besitzt einen jugendfrischen Sopran von lieblichem, reinem Klang, eine geläufige Gurgel und die vokale Variabilität für die wechselnden Affekte. Zwei Beispiele: Im melancholischen Rondo der Baronessa in Salieris „La scuola de‘ gelosi“ überzeugt sie mit instrumental geführtem Legatogesang, in der Arie der herrischen Magd Serpina in Paisiellos „La serva padrona”gleichermaßen mit gestochen scharfen Verzierungen. 
Das Schweizer Kammerensemble Chaarts begleitet Shira Patchornik mit klanglicher Sensibilität und spielerischer Verve. Im Alleingang präsentiert es am Ende des Albums Mozarts zwanzigminütiges Divertimento in D-Dur. Das ist eine feine, rein orchestrale Ergänzung, doch wären ein, zwei weitere Arien nicht passender gewesen?


Karin Coper  (13.2.2026)


Reinhard Keiser – Der angenehme Betrug oder Der Carneval von Venedig

barockwerk hamburg – Ira Hochman

cpo 555 581-2 (2 CDs)

Liebeskarussell im Karneval 


Beim Karneval von Venedig, seit dem Mittelalter eine besondere Attraktion der Lagunenstadt, spielen die Hormone verrückt. Celinde will frei sein und sich ohne komplizierte Beziehungskonflikte vergnügen, ihr Verehrer Myrtenio muss sich dem fügen. Leonora und Leandro, Isabella und Rudolfo verzehren sich indes in Liebesqualen. Eifersucht, daraus resultierende Mordgelüste, Lügengespinste machen ihnen das Leben schwer. Um die verwickelten Amouren dieser drei Paare kreist „Der angenehme Betrug oder der Carneval von Venedig“ des deutschen Barockkomponisten Reinhard Keiser. Er entwickelte sich nach seiner Uraufführung 1707 in der Hamburger Gänsemarktoper zu einem Publikumshit, der bis Mitte des 18. Jahrhunderts anhielt. Danach geriet er in Vergessenheit, bis die Dirigentin Ira Hochman einen großen Teil der Musik wiederentdeckte, die Nummern rekonstruierte und sie mit weiteren Arien von Keiser und einigen seiner Zeitgenossen komplettierte. In dieser Form und mit neu verfassten Rezitativen wurde „Der Carneval von Venedig“ in Altona und Innsbruck semikonzertant aufgeführt und anschließend für cpo eingespielt – allerdings ohne Zwischentexte, wodurch die Handlung schwer nachzuvollziehen ist. Gleichwohl bietet Keisers Oper rein musikalisch genug Abwechslung. Zweiteilige Arien, teils im deutschen, teils im italienischen Stil, illustrieren die zwischen Empfindsamkeit und Leidenschaft pendelnden Affekt-Turbulenzen. Es gibt etliche köstlich instrumentierte Stücke, beispielsweise die nur von Oboe und Basso continuo begleitete Cantata der Leonora, in der sie sich den Tod wünscht. Oder Rudolfos Klage an den Mond mit korrespondierenden Flöten und Streicherpizzicati. Für weitere Kurzweil sorgen Maskenchöre, Tänze und volkstümliche Orchestereinlagen, die die Buntheit und Nationenvielfalt eines Karnevals widerspiegeln. Die Aufnahme, ausgestattet mit einem ausgesprochen informativen Booklet, sprüht vor Lebendigkeit. Ira Hochman spornt das von ihr gegründete barockwerk hamburg zu theatralischer Vitalität an: es wird so kontrastreich wie dynamisch variabel musiziert. Die drei Sopranistinnen Hanna Zumsande, Fanie Antonelou und Anna Herbst sind in punkto vokaler Stilsicherheit, Virtuosität und Stimmfrische ebenbürtig, die Baritone Matthias Vieweg und Andreas Heinemeyer stehen ihnen in nichts nach. Eine originelle Farbe bringen die beiden Bediensteten ein. Ihre Soli sind auf Plattdeutsch, sie drehen sich um Alltagssorgen und -freuden. Geneviève Tschumi als Köchin Trintje singt schön, fast zu schön, denn die Figur könnte mehr Deftigkeit und Pointiertheit vertragen. Dafür macht Mirko Ludwig (der auch den Myrtenio gibt) aus dem Mummelied des „lustigen Sachsen“ Brillo ein Kabinettstück. Im versöhnlichen Finale stimmen alle den Chor an: „So kann uns diese schönste Zeit auch die schönste Freude geben“. Bezogen auf Keisers Oper bereitet sein Karneval auch beim reinen Hören viel Plaisir.

Karin Coper  (16.12.2025)


Vers La Vie Nouvelle - Werke von Lili Boulanger, Nadia Boulanger, Germaine Tailleferre und Francois Poulenc

Evgenia Nekrasova

Ars Produktion ARS 38688 (1 CD)

Komponistinnen am Aufbruch zu einem neuen Leben


In den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts ist die Gleichberechtigung der Frau nach wie vor ein großes Thema und wird es aus Mangel an hinreichenden Erfolgen auch noch länger bleiben. Im allgemeinen Bewusstsein bleibt der Blick auf die Geschichte der Emanzipation der Frau meist bei den Auswirkungen der 68er-Bewegung und Namen wie Alice Schwarzer hängen. Oft wird übersehen, dass in der Neuzeit emanzipatorische Bewegungen bereits seit dem 19. Jahrhundert existierten, angefangen bei den Nachwehen der Französischen Revolution bis zur Bewegung der sogenannten „Suffragetten“. Dass diese Bestrebungen Folge einer ausgeprägten Ungleichbehandlung waren, lässt sich in größerem Maße auch im Künstlertum wiederfinden. Das ausführliche und informative Booklet der hier vorliegenden CD berichtet von der nahezu tragischen Geschichte von Clara Schumann, die in den 1840er Jahren in Bezug auf ihre Kompositionstätigkeit letztlich resignierte und das Feld den Männern überlies, als einleitendes Beispiel. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich bereits ein selbstbewussteres Auftreten der Komponistinnen, dem die Pianistin Evgenia Nekrasova auf ihrer neuen CD hauptsächlich mit Werken von Lili und Nadia Boulanger und Germaine Tailleferre nachgeht. Der Titel der CD „Vers La Vie Nouvelle“ – Auf dem Weg zu einem neuen Leben – bezieht sich dabei nicht nur auf eines der Werke von Nadia Boulanger, sondern steht ebenfalls sinnbildlich für die musikalischen und persönlichen Entwicklungen der Komponistinnen sowie den Aufbruch in eine Zeit, die auch auf der künstlerischen Ebene die Selbstbehauptung der Frau in einer männerdominierten Welt bedeutete.

Besonders spannend ist gerade die Nebeneinanderstellung der Werke der Geschwister Boulanger, die beide zunächst noch in der Übergangszeit der Spätromantik zum Impressionismus komponierten. Trotz ähnlicher kompositorischer Grundgestaltung und Ästhetik erkennt man die feinen Unterschiede in der Detailausführung, Melodik und besonders der Klangfarben. Bei Lili Boulanger überwiegt das Schwermütige und Melancholische, wie schon im ersten Stück der CD, dem „Prélude“ in Des-Dur mit seinen schweren Akkorden und dem großen Ambitus zu hören ist.

Die drei anschließenden Miniaturen „Trois morceaux“, die alle starken oder bedeutenden Frauen gewidmet wurden, wirken wie Kindheitserinnerungen, wobei die ersten beiden eher dramatisch oder besinnlich sind, das dritte mit seinen spielerischen Figuren jedoch beschwingte Züge annimmt. Gerade in diesem, „Cortège“ betitelten Stück beweist Evgenia Nekrasova ein eindrucksvolles Non-Legato-Spiel und ergründet die Zerbrechlichkeit und Komplexität der musikalischen Figuren.

Unbeschwerter und weniger sperrig wirken die darauffolgenden „Trois petites pièces“, drei Miniaturen, die den Drang zum Impressionismus bei Nadia Boulanger gut zum Ausdruck bringen. Zurück zu tiefster Schwermut kehren wir wieder bei „Thème et variations“, in denen Lili Boulanger das Thema von dramatischen Bassklängen ausgehend nicht nur über Bewegungs- und Tempoänderungen variiert, sondern gleichfalls auch durch raffinierte Veränderungen der Schärfe der Harmonik führt, bis es wieder zur Schwere der Bassläufe zurückfindet. Evgenia Nekrasova lässt hier ohne Zurückhaltung der Dramatik und Schwere ihren Lauf.

Das enge Verhältnis der beiden Schwestern lässt sich vor allem in dem Stück „Vers la vie nouvelle“ spüren, das Nadia Boulanger vermutlich unter dem Eindruck der tödlichen Krankheit ihrer Schwester geschrieben hat, die 1918 mit nur 24 Jahren verstorben ist. Man mag diesen kompositorischen Grundgedanken in dem musikalischen Bogen erkennen, der in dem eindringlichen Werk von trauernder Schwermut ausgehend über eine versöhnliche Melodiegestaltung bis hin zu einem nahezu pastoralen Schluss gespannt wird.

Während die Werke von Lili und Nadia Boulanger eher fragil oder fast unsicher wirken, treten die Kompositionen von Germaine Tailleferre in sich ruhend, dominant, nahezu vorwärtsgreifend auf. Es lässt sich vermuten, dass dies mit der persönlichen beruflichen Entwicklung zusammenhängt, die gegensätzlich zu denen der Geschwister Boulanger verlief. Während diese schon von Geburt an in der musikalischen Kunst gefördert wurden, musste Tailleferre sich gegen den Willen ihrer Eltern durchsetzen und ihre Ausbildung auf heimlichen Wegen antreten. Der große Erfolg blieb aber nicht aus und führte schließlich auch zur Aufnahme in die Groupe des Six als einzige Frau.

Wenn auch Francis Poulenc, ebenfalls Mitglied der Groupe des Six, als männlicher Vertreter dieser Komponistengeneration nicht in das Konzept des Albums zu passen scheint, ist die Aufnahme der vier kleineren Werke des Komponisten als Abschluss der CD-Aufnahme aus künstlerischer Sicht höchst willkommen, da somit eine weitere charakteristische Ausprägung impressionistischen Komponierens ergründet wird, das in diesem Fall stärker an der Romantik orientiert war als das seiner hier vorgestellten Kolleginnen.

Evgenia Nekrasova, die ihre pianistische Ausbildung an der Hochschule für Musik in ihrer Heimatstadt Minsk begann, machte ihren Abschluss an der Musikhochschule in Köln mit Auszeichnung. Sie ist Preisträgerin mehrerer Klavierwettbewerbe und gleichfalls gefragte Solopianistin wie auch Kammermusikerin, so z. B. als Mitglied beim Ensemble Ars Millennium. Die programmatische Zusammenstellung der Werke auf der vorliegenden CD ist Ausdruck ihres ausgeprägten Interesses an der Musik aus der Hand von Komponistinnen. Evgenia Nekrasovas Spielweise ist leichthändig virtuos und auf eine angenehme Art nicht zu romantisierend. Der Wechsel von harmonischen Sphären geht bei ihr einher mit einem luziden Übertritt von einer Klangfarbe zur anderen.

Einem aufgeklärten Publikum scheint die aktuelle Präsenz von Frauen, die sich seit den Zeiten Boulangers und Tailleferres zahlreich der Kompositionskunst gewidmet haben, eine Selbstverständlichkeit zu sein, trotzdem ist das Fach der Komposition offensichtlich immer noch eine Männerdomäne. Woran dies liegen mag, ist zu diskutieren. Die CD von Evgenia Nekrasova bietet nicht nur ein reizvolles Spektrum der Werke der Komponistinnen am Anfang dieser Entwicklung, sondern trägt auch gewinnbringend zu einer weiteren Auseinandersetzung mit diesem Thema bei.


Jakob Dunkelmann (29.11.2025)


Andris Dzenītis

Symphonien Nr. 1 & 2; The Lonely Pine Tree

Liepāja Symphony Orchestra, Guntis Kuzma, Christian Lindberg

SKANI - LMIC SKANI 177 (1 CD)

Interessante Pseudo-Symphonien aus Lettland


Der lettische Komponist Andris Dzenītis ist hierzulande noch kaum bekannt. In seiner Heimat Lettland gehört er aber schon seit den 1990er-Jahren zu den wichtigsten Stimmen in der neuen symphonischen Musik des kleinen Lands mit der großen Musiktradition.

Nun hat das lettische Label SKANI ein Album mit drei Orchesterwerken des Komponisten aus den Jahren 2017 bis 2024 vorgelegt. Darunter befinden sich zwei einsätzige „Symphonien“ und ein Stück namens „The Lonely Pine Tree“, welches ich am ehesten als Symphonische Dichtung einstufen würde, der Komponist selbst spricht von einer „Fantasie“.

Die Werke sind auf der Aufnahme nicht chronologisch angeordnet. Es beginnt mit der Symphonie Nr. 1 von 2017. Im Beiheft zur CD erfahren wir ausführliche Hintergründe zum Werk, geschrieben vom Komponisten selbst. Zwar ist das alles sehr interessant zu lesen, jedoch hätte man sich vor allem eine Stellungnahme dazu gewünscht, warum Dzenītis hier von einer „Symphonie“ spricht, denn mit einer Symphonie nach klassischer Sonatenhauptsatzform hat sein Stück natürlich rein gar nichts zu tun. Nicht einmal mit den stark „aufgebohrten“ Symphoniekonzepten von z.B. Sibelius oder Schostakowitsch kommt man hier weiter. Im Prinzip handelt es sich also einfach um groß besetzte Orchesterwerke ohne Solisten.

Nimmt man nun noch die Erläuterungen des Komponisten hinzu, der aussagt, dass das Werk Emotionen in einer Welt widerspiegelt, die von Schnelllebigkeit, Unruhe, sozialem Auseinanderdriften und dem weiter beschleunigenden Effekt der digitalen Medien geprägt ist, wird man doch schnell gewahr, dass es sich hier ebenfalls eher um eine Symphonische Dichtung handelt als um eine Symphonie.

Die Musik ist interessant und bewegt sich entlang einer Traditionslinie, die mit dem Sinfonischen Spätstil von Sibelius begann: Statt thematischer Entwicklungen, gibt es – wenn man so will – langsame, musikalische „Kontinentalverschiebungen“. In jüngerer Zeit könnte man als Vergleich am ehesten wohl Lepo Sumera und Axel Borup-Jørgensen heranziehen, und in der Tat klingt Dzenītis‘ „Symphonie“ wie eine Art Mischung aus Sumeras dritter Symphonie und Borup-Jørgensens Monumentalwerk „Marin“. Wer sich damit anfreunden kann, wird sicherlich auch an Dzenītis‘ erster Symphonie Gefallen finden.

Auf dem Album geht es weiter mit „The Lonely Pine Tree“ aus dem Jahr 2024, das vom Stil her ganz anders daherkommt als die aufgewühlte erste Symphonie. Das Stück eröffnet lieblich, beinahe spätromantisch, und man fühlt sich plötzlich eher an Dvořáks „Symphonie aus der Neuen Welt“ erinnert, als an Sumera und Borup-Jørgensen. Die Erklärung finden wir wieder im Booklet: Anscheinend handelt es sich hier um eine Fantasie über ein Fragment eines Werks des lettischen Komponisten Emīls Dārzīņš, der anscheinend vor allem für seine lyrisch-sakrale Chormusik bekannt war und zwischen 1875 bis 1910 lebte. Das passt also ins Bild. Während die Musik fast rein spätromantisch beginnt, wird der Stil nach einer langen Ruhephase ab etwa Minute sechs wieder expressiver und es hält die „musikalische Tektonik“, Einzug, die wir schon von der ersten Symphonie her kannten. Mir gefallen dieses Konzept und überhaupt das gesamte Stück sehr gut.

Die sogenannte Symphonie Nr. 2 aus dem Jahr 2021 beginnt mit viel Geknatter und macht gleich klar, dass wir uns von der Romantik wieder in die unmittelbare Gegenwart begeben. Laut Notizen des Komponisten geht es in dem Werk um reine Abstraktion: Dauer, Klangfarbe, Raumwirkung. Geschrieben inmitten der Coronakrise reflektiert die Komposition eine generelle Zeit der Unsicherheit, aber wohl auch eine Zeit persönlicher Krisen und Sackgassen.

Ich finde das Werk insgesamt sehr viel überzeugender als die Symphonie Nr. 1. Man merkt, dass Dzenītis durch den Kompositionsprozess an der Ersten gelernt hat und anscheinend genau wusste, wie er seine Zweite nun angehen wollte. Die gesamte Komposition wirkt gut durchdacht und macht den Eindruck einer handwerklich reifen Arbeit. Der Ähnlichkeit mit Sumeras Werk ist noch stärker spürbar als in der Ersten, dazu gesellt sich diesmal eine Reminiszenz an repetitiv arbeitende Komponisten hinzu, vielleicht würden einem da Colin McPhee in den Sinn kommen oder Lou Donaldson.

Ein großes Kompliment gebührt dem ausgezeichnet aufspielenden Liepāja Symphony Orchestra unter der Leitung von Guntis Kuzma bei den Symphonien und Christian Lindberg bei „The Lonely Pine Tree“, dies, zumal es sich teilweise um Live-Aufnahmen handelt. Das anspruchsvolle Repertoire ist bei dem Orchester wirklich in besten Händen. Da auch vonseiten Klangqualität und Produktgestaltung und -Qualität nur Positives zu berichten ist, kann man nur eine Empfehlung aussprechen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man sich mit der etwas eigenwilligen Musiksprache von Andris Dzenītis anfreunden kann.


René Brinkmann (13.11.2025)


Femmes de légende

Klaviermusik von u.a. Clara Schumann, Fanny Mendelssohn, Lili Boulanger, Cécile Chaminade, Louise Farrenc, Johanna Senfter, u.a.

Nareh Arghamanyan

Hänssler Classics HC25026 (1 CD)

Willkommenes Comeback einer großen Pianistin


Nareh Arghamanyan ist eine Pianistin, die schon früh immer auch mit Einspielungen Aufsehen erregt hat. Nach einer hochkarätigen Ausbildung und dem Gewinn namhafter Wettbewerbe debütierte sie auf dem CD-Markt zunächst 2009 mit einer Albumaufnahme von hoch virtuosem Repertoire beim audiophilen, kanadischen Analekta-Label, bevor sie ab 2012 einige Jahre lang einen Albumvertrag mit dem Philips Classics-Nachfolgelabel „Pentatone“ hatte. Damals erschienen die Aufnahmen, die sie international bekannt machten: Vor allem die beiden Liszt-Klavierkonzerte mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Alain Altinoglu wurden von der Musikkritik ganz zu Recht mit höchsten Bewertungen ausgezeichnet, mehrere weitere Alben folgten.

2018 überraschte die Pianistin mit der Einspielung von Franz Danzis Klavierkonzert in Es-Dur mit dem Münchner Kammerorchester unter Howard Griffiths beim SONY Classical-Label. „Überraschte“ deswegen, weil es sich eher um Nischenrepertoire handelte und zudem vom Werk her um eine Komposition, die sich eher noch von der Mannheimer Schule ableitete. Von Arghamanyan war man bisher ja eher die virtuosen Schwergewichte der Klavierliteratur gewohnt.

Nach dem Danzi-Album gab es einige Jahre gar keine CD-Produktion bei einem namhaften Label, allerdings veröffentlichte die Pianistin mit kleineren Digitallabels weiter Alben exklusiv für den Streamingmarkt. Unverständlich, warum sich dafür anscheinend bislang kein Label als Lizenzpartner für CDs finden ließ.

Nun liegt ein neues Album unter dem Titel „Femmes de légende“ vor, das endlich wieder in einer Umgebung erscheint, die der Pianistin auch würdig ist. Und so dürften sowohl das süddeutsche Hänssler-Label als auch die Pianistin von der neuen, gemeinsamen Zusammenarbeit profitieren.

Auch thematisch setzt Arghamanyan ein starkes Statement und setzt in Kooperation mit dem Südwestrundfunk auf ein Klavierrecital, das komplett aus Musik von Komponistinnen besteht. Die Bandbreite reicht vom Spätbarock Anna Bon di Venezias bis zu Spätromantik und früher Moderne. Die ausgewählten Stücke reichen von kontrapunktischer, barocker Meisterschaft hin zum schwelgerischen, an Chopin angelehnten Stil Cécile Chaminades oder den emotional abgründigen „Thème et variations“ der tragisch jung verstorbenen Lili Boulanger.

Während man einige Namen inzwischen fast selbstverständlich zu den „Großen“ zählt (z.B. Clara Schumann, Fanny Mendelssohn, Louise Farrenc… – da hat sich zum Glück viel getan in der Wahrnehmung), gibt es einige Komponistinnen, die noch zu entdecken sind, wie z.B. Else Schmitz-Gohr mit ihrer ebenso eigenwilligen wie faszinierenden „Elegy“ für die linke Hand, oder Ilse Fromm-Michaels mit ihrem „Langsamen Walzer“, der in einem merkwürdigen Zwischenreich zwischen Chopin und Sibelius irrlichtert – faszinierend!

Man könnte mit dem Namedropping munter weitermachen, aber das würde nicht darstellen, wie gelungen dieses Album als „Gesamtpaket“ erklingt. Gerade die Zusammenstellung macht den wesentlichen Reiz aus. Da ist wohl auch der SWR als Kooperationspartner zu loben, der auch für den wunderbar natürlichen Klavierklang verantwortlich zeichnet, der mit genau der richtigen Dosis Raumklang angelegt ist.

Nareh Arghamanyans Spiel ist über jeden Zweifel erhaben: Ihre Staunen machende Virtuosität ist niemals Selbstzweck oder „Show“, sondern steht immer im Dienst des Werks. Auch wenn sie Rubati einsetzt, wirkt das nie willkürlich, sondern immer werkdienlich und folgerichtig. Letzen Endes fasziniert aber vor allem der emotionale Aspekt der Aufnahme, an dem man merkt, dass diese Musik der Pianistin wirklich viel bedeutet.


René Brinkmann (26.10.2025)


Beyond Horizons

Liv Migdal & Mario Häring

Hänssler Classics HC24015 (1 CD)

Wunderbar spätromantische Violinwerke zweier Komponistinnen 


Wenn die Geigerin Liv Migdal ein neues Album herausbringt, darf man sich nicht nur auf hinreißende Interpretationen freuen, sondern zudem auf eher selten gespieltes und meist weit unterschätztes Repertoire gespannt sein; so wieder im Falle von „Beyond Horizons“. Neben der zweiten Violinsonate Edvard Griegs bringt Migdal mit dem Pianisten Mario Häring den Gattungsbeitrag der britischen Komponistin Ethel Smyth (1858–1944) sowie die „Sechs Stücke für Violine und Klavier“ der Schwedin Amanda Maier (1853–1894) zu Gehör.

 

Ethel Smyths Bedeutung als enorm talentierte Opernkomponistin („The Wreckers“, UA: Leipzig 1906) wird gerade wiederentdeckt. Sie studierte – wie zuvor Grieg – in Leipzig bei Carl Reinecke, dann privat bei Heinrich von Herzogenberg. Als Präsident des dortigen Bachvereins hatte dieser ein breites persönliches Netzwerk aufgebaut, zu dem u. a. Clara Schumann, Brahms, Grieg, Joseph Joachim und bald auch die junge Britin sowie Amanda Maier gehörten. Maier war eine bewunderte Geigerin, studierte beim Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters, Engelbert Röntgen, und heiratete später dessen Sohn Julius, der heute als der bedeutendste niederländische Komponist seiner Zeit gilt.

 

Smyths viersätzige Violinsonate von 1887 lässt noch klar das Vorbild Brahms‘ erkennen, wirkt jedoch oft leidenschaftlicher, wenn auch gerade in diesem Werk recht düster. Den Hinweis auf Dantes „Inferno“ (Francesca da Rimini) im 3. Satz darf man wohl autobiographisch deuten, da die spätere Leitfigur der britischen Suffragetten-Bewegung immer komplizierte Liebesbeziehungen pflegte. Die Sonate wurde bereits mehrfach eingespielt. Wie immer überzeugt hier Migdals warm-differenzierte Tongebung – schon im stets sorgfältig kontrollierten Vibrato und der Dynamik längerer Einzeltöne – sowie eine kluge emotionale Zielgerichtetheit in den einzelnen Sätzen. Zum exzellenten Gesamteindruck trägt nicht unwesentlich der aus einer deutsch-japanischen Musikerfamilie stammende Mario Häring bei, dessen rhythmisch extrem präzises, aber immer elastisches Klavierspiel und feine Anschlagstechnik einmal mehr beeindrucken. Die stimmige Darbietung übertrifft somit andere jüngere Aufnahmen (Vogel, Cesetti [Toccata, 2013]; Little, Lenehan [Chandos, 2018]) klar.

 

Amanda Maiers dramaturgisch als Suite konzipierten „Sechs Stücke“ (gedruckt 1879) sind hübsche, meist dreiteilige Charakterpreziosen mit einer gehörigen Portion nordischen Flairs, die für die Violine durchaus herausfordernd und wirklich kurzweilig sind. Migdals Spiel wirkt dabei nie äußerlich, bewahrt bei aller Schlichtheit stets ein gewisses Geheimnis, das zum konzentrierten Zuhören zwingt. Und Häring, der hier als reiner Begleiter fungiert, beweist dennoch Klasse (Nr. 6!) und sorgt für einen geschmeidigen Gesamtklang. Auch diese Einspielung ist freilich keine echte Novität: Maiers Musik – nach ihrer Heirat mit Julius Röntgen komponierte sie kaum noch – liegt seit 2019 komplett auf vier CDs vor.

 

Wie in Maiers sechstem Stück („Frisch, schwedisch“) begegnet man in Griegs berühmterer „norwegischen“ Violinsonate G-Dur, die 1867 entstand, dem folkloristischen „Springdans“ aus dessen Heimat. Bei diesem Werk sind die beiden Interpreten nun endgültig in ihrem Element, kitzeln die sehr vielschichtigen Aspekte immer mit vollstem Engagement und perfekt aufeinander abgestimmtem Zusammenspiel heraus. Das beginnt schon beim genau getroffenen nordisch-einsamen Idiom des elegischen Beginns, der sofort unter die Haut geht. Die ganze Sonate gerät in ihrer durchdachten Intensität absolut hinreißend. Einziger Kritikpunkt: Die Aufnahmetechnik balanciert die beiden Instrumente zwar sehr gut aus; beim Klangbild erscheinen allerdings die Höhen nicht luftig genug – fast ein wenig gedeckelt.

Martin Blaumeiser (1.8.2025)

Debussy: Sämtliche Werke für Klavierduo Vol. I

Genova & Dimitrov Piano Duo

Oehms OC1740 (1 CD)

Maßstabsetzende Einspielungen in jeder Hinsicht


Nur zwei Jahre, nachdem die beiden bulgarischen Pianisten Aglika Genova und Liuben Dimitrov – anfangs eher zufällig – als Klavierduo zusammenfanden, erlangten sie 1996 den Sieg beim ARD-Musikwettbewerb sowie weitere internationale Preise. Von 2008 bis 2025 leiteten sie an der Musikhochschule in Hannover eine Klasse für Klavierduo. Ihre Diskographie umfasst mit dieser Veröffentlichung 19 CDs, und nicht erst die Aufnahmen aus den letzten Jahren (Rachmaninow, Reinecke und Amy Beach) erhielten von der Musikkritik ungeteiltes Lob. Die Gesamteinspielung sämtlicher Werke für Klavierduo von Claude Debussy entstand im Dezember 2022 im WDR Köln und erscheint nun wohl zunächst – etwas überraschend – auf drei Einzel-CDs, nachdem man vom cpo Label zu Oehms gewechselt ist.

 

Die Auswahl der dargebotenen Stücke ist ungewöhnlich: Die erste CD enthält eben nicht das Repertoire-Schwergewicht „En blanc et noir“ oder die kinderleichte, aber zu Recht beliebte „Petite Suite“, sondern eher selten gespielte Werke bzw. noch relativ unbekannte Neuentdeckungen. Diese anscheinend chronologische Herangehensweise mag einem Verkaufserfolg im Wege stehen, aber sobald man nur wenige Minuten dieser Aufnahmen gehört hat, verfliegen jegliche Zweifel an Debussys Frühwerk.

 

Vier der sechs dargebotenen Stücke sind vier Klavier zu 4 Händen geschrieben: Vom 12-minütigen „Divertissement“ von 1884 – die Noten erschienen erst 2002 (!) – hat Debussy wohl nie eine Orchestrierung geplant, zieht jedoch alle Register seiner Klangkunst bereits auf dem Klavier. Unnötig zu erwähnen, dass die Synchronizität des Genova & Dimitrov Piano Duos absolut perfekt ist, dazu vor allem die Klangcharakteristik über alle Register so gleichmäßig ausbalanciert, dass hier ein einziger, symbiotischer Klangkörper zu spielen scheint. Umgekehrt bedeutet dies freilich, dass jedes Detail klanglich höchst differenziert ausgedeutet wird, sowohl dynamisch als auch agogisch, aber dabei nie wahrnehmbar wird, wer der beiden Künstler eigentlich was spielt. Dies ist auf einem Flügel heikler als bei Literatur für zwei Klaviere. Die Rubati, der Reichtum an Farben, die rhythmische Flexibilität bei aller Präzision, sind faszinierend. Wichtiger jedoch, wie klar die musikalischen „Ideen“ dahinter – schon beim jungen Debussy sehr charakteristisch – zum Tragen kommen. Repetitive Begleitfiguren, von Tremoli bis zu konturierten Akkorden, erscheinen immer im Dienst des jeweiligen Kontexts. Nie regiert Routine, sondern sorgfältig erarbeitetes, empathisches Verständnis. Und die melodischen Linien werden stets mit einer Delikatesse präsentiert, die ihresgleichen sucht. Im Piano-Bereich hört man die gleiche emotionale Präsenz wie in lauteren Passagen: große Kunst.

 

Gleiches gilt für die Instrumentalstücke aus der mit dem „Prix de Rome“ ausgezeichneten Kantate „L’enfant prodigue“, deren 4-händige Version noch vor der Orchestrierung entstand. Die viersätzige „Première Suite d’Orchestre“ (1883) wurde erst in den 2000er Jahren entdeckt, und den „Rêve“ daraus gibt es sogar nur als vierhändige Version. Von „Printemps“ ist heute die Orchesterfassung von Henri Büsser bekannter als die ursprünglich 4-händige von 1887. Hier kommt Debussys impressionistischer Klang schon merklicher zum Tragen als in den ganz frühen Stücken. „Lindaraja“ (1901) mit seinem andalusisch-maurischen Kolorit ist die einzige echte „Originalkomposition“ für zwei Klaviere auf dem Album.

Das „Prélude à l‘après-midi d’un faune“ (1895) ist den Hörern inzwischen in seinen instrumentalen Klangnuancen so bekannt, dass es schon als mutig gelten darf, Debussys Reduktion für zwei Klaviere überhaupt zu spielen. Merkwürdigerweise geben Klavierduos zudem meist der 4-händigen Bearbeitung Maurice Ravels den Vorzug. Genova & Dimitrov beweisen jedoch, wie nahe Debussy dem impressionistischen Ideal bereits in dieser „Urfassung“ war. Was die beiden Pianisten hier zustande bringen, ist wirklich so fantastisch, dass man aus bewunderndem Staunen nicht mehr herauskommt. Farbigkeit und eine verblüffende Übersetzung spezifisch instrumentaler Klangspezifika (Flöte, Englischhorn usw.) auf den Flügel gelingen dermaßen überzeugend, dass man ein Orchester kaum noch vermisst. Alle Temponahmen und Übergänge sind – ebenso wie in den übrigen Stücken – völlig organisch.

 

Die Aufnahmesitzungen beim WDR gerieten auch im technischen Ergebnis überragend. Selten hat der Rezensent eine so durchsichtige wie detailtreue Klavierduo-Einspielung gehört wie die vorliegende. Da muss man neben dem WDR-Team dem (ungenannten) Klavierstimmer extra danken, der dafür beste Voraussetzungen geschaffen hat. Das Booklet ist knapp, dabei hinreichend informativ. Für das eingespielte Repertoire sind dies ganz klare Referenzaufnahmen und landeten schon in der Vierteljahres-Nominierung des „Preises der deutschen Schallplattenkritik“. Der Hörer darf sich angesichts dieses puren Klavierglücks sicher auf die weiteren Debussy-Folgen mit dem Genova & Dimitrov Piano Duo freuen: Die Aufnahmen sind ja längst im Kasten.

Martin Blaumeiser (20.7.2025)

Das Lied

Orchester der Kulturen & Adrian Werum



Jenseits von Afrika: Das Orchester der Kulturen internationalisiert das deutsche Kunstlied


„Wow, was für eine Eröffnung!“, das war der erste Gedanke, der mir unvermittelt durch den Kopf schoss, als ich dieses Album in den Player legte. Mit einer Art musikalischen Mixtur aus „König der Löwen“-Musical, Filmmusikklängen und „klassischer“ Orchestersinfonik werden die Hörerinnen und Hörer dieses Album auf einen Schlag in eine andere musikalische Welt transportiert – eine Welt, die keine Grenzen zu kennen scheint, in der sich Kunstlied und Sinfonik ebenso selbstverständlich vermengen wie klassischer Gesang und Weltmusik-Vocals oder Bossa Nova-Jazz und Didgeridoo-Musik.

Doch fangen wir mal von vorne an. Dieses Album ist schlicht „Das Lied“ betitelt. Der „Absender“ ist das „Ørchêster der Kultureñ“ (ja, schreibt sich tatsächlich so, außer, dass ich für das „d“ das entsprechende Sonderzeichen leider auch nach längerer Suche noch nicht gefunden habe). Dieses Ensemble wurde 2010 vom Dirigenten und Komponisten Adrian Werum gegründet, dessen Name neben dem seines Orchesters ebenfalls auf dem Cover steht.

Zum Glück weit weniger exaltiert als die Schreibweise des Orchesters ist die Idee hinter dem Album-Projekt: Jede Kultur hat eine andere Musik, aber praktisch alle Kulturen kennen Lieder. Das Ørchêster der Kultureñ will nun das europäische Kunstlied von Schumann, Liszt, Strauss, Brahms, Schubert und Beethoven für Einflüsse aus anderen Musikkulturen öffnen. Adrian Werum hat alle Arrangements geschrieben und so ganz nebenbei hat er auch noch zwei eigene Kompositionen im Programm untergebracht.

Die musikalische Palette reicht von kammermusikalisch intim bis „larger than life“ (sozusagen). Eine beeindruckende Riege von Sängerinnen und Sängern übernimmt die Darbietung der einzelnen Lieder. Ein bisschen Namedropping gefällig? Bitteschön: Julia Sophie Wagner, Jay Alexander, Kandara Diebate, Andreas Post, Daniel Ochoa und Frederic Mörth.

Dabei reicht das Spektrum von Klassik bis Pop/Jazz bis Ethno/Weltmusik. Das Instrumentarium des Ensembles umfasst dann auch neben typischen Instrumenten eines europäischen Sinfonieorchesters hierzulande eher ungewohnte Instrumente wie Didgeridoo, Oud, Gaygeum, Kora, Erhu und Kaval – und es ist sicher nicht ehrenrührig, wenn ich zugebe, dass ich selbst in einigen Fällen erst einmal nachschlagen musste, welche „Klangquellen“ sich im Einzelnen hinter den exotischen Bezeichnungen verbergen.

Das Album ist in der „Kleinen Audiowelt Heidelberg“ sowie in den Hans Rosbaud-Studios des SWR in Baden-Baden aufgenommen worden. Im Fall der Hans-Rosbaud-Studios dürfte es eines der letzten Aufnahmeprojekte dort gewesen sein, denn leider wurden diese so geschichtsträchtigen Räumlichkeiten ja inzwischen geschlossen und sind dem Untergang geweiht. Im Gegensatz zu den meisten „typischen“ Klassik-Alben, wo i.d.R. ein möglichst originalgetreues Abbild einer mitgeschnittenen Orchesterperformance mit möglichst wenigen Eingriffen in Dynamik und Klangstaffelung angestrebt wird, haben wir hier sicherlich einen „gestalteten“, ausproduzierten Sound. Das heißt, die audiotechnische Vorgehensweise ähnelt eher dem Bereich der Filmmusik oder dem von Orchestern, die in Jazz-Produktionen zum Einsatz kommen. Das soll dem Eindruck aber nicht abträglich sein, ganz im Gegenteil: Ich finde, das Album klingt ganz ausgezeichnet, ist hervorragend produziert und auch nicht zu stark bearbeitet.

Die musikalischen Leistungen sind hervorragend auf allen Ebenen: Die Instrumentalistinnen und Instrumentalisten sind offensichtlich Virtuosen ihres jeweiligen Fachs, sämtliche gesangliche Darbietungen würden jedem klassischen Liederabend zur Ehre gereichen, und die afrikanischen Vocals von Kandara Diebate sind schlichtweg atemberaubend in ihrer Wirkung.

Die Arrangements sind manchmal hart an der Grenze zum Kitsch oder zum emotionalen Purzelbaum, aber immer dann, wenn man sich denkt „Oh, jetzt bitte nicht noch einen draufsetzen“, dann tritt Arrangeur und Dirigent Adrian Werum gekonnt auf die „Emotionsbremse“. So hinterlässt das Album letztendlich einen doch noch recht ausgewogenen Eindruck.

Letztendlich bleibt die Frage, für wen so ein Album interessant sein könnte. Mancher „Klassik-Purist“ mag hier die Nase rümpfen, während mancher Musical-Besucher das Album noch zu „anspruchsvoll“ finden könnte. Zum Glück ist es aber nicht meine Aufgabe, die Zielgruppendefinition für das Ørchêster der Kultureñ zu finden.

Könnte darin aber der Grund liegen, warum das Album anscheinend ohne Label in Eigenregie des Orchesters veröffentlicht wird? Ist das musikalische Programm letztendlich zu abenteuerlich für ein kommerziell denken müssendes Unternehmen wie ein Label?

Wie dem auch sei: Ohne Label bleiben einige Potenziale womöglich unter ihren Möglichkeiten. Jedenfalls habe ich das Album im Onlinehandel auch dann noch nicht finden können, als es im Streaming bereits erhältlich war. Auch die grafische Gestaltung der CD wirkt in Teilen etwas „hausgemacht“. Das hätte man mit einem Label als „Sparringspartner“ an der Seite wahrscheinlich optimieren können. Vermutlich ist aber der Hauptmarkt für dieses Album sowieso der Konzertverkauf, da das Ørchêster der Kultureñ fast monatlich irgendwo (meist in Stuttgart) gastiert.

Ein kurzes Fazit zu ziehen, fällt in einem Fall wie diesem schwer, aber versuchen wir es einmal: Musik und Aufnahmeklang sind vorzüglich, die Idee ist spannend, die Arrangements muss man entweder mögen oder man mag sie eben nicht - Geschmacksfrage. Gestaltung und Vermarktung hingegen bleiben doch eindeutig unter ihren Möglichkeiten.

René Brinkmann

Rihards Dubra: Music for Organ

Aigards Reinis & Ilze Reine

LMIC/SKANI 168 (2 CDs)

Spannende neue Orgelwerke aus Lettland


Das dem Lettischen Musik-Informations-Zentrum (LMIC) angeschlossene Label Skani hat seinen Schwerpunkt nicht explizit auf der Orgelmusik, sondern wurde (mit staatlicher Hilfe) gegründet, um die klingende Kultur des kleinen baltischen Landes zu dokumentieren und auch international berühmt zu machen. Das vorliegende Doppel-Album ist Rihards Dubra gewidmet, der – neben Pēteris Vasks – zu den bekanntesten Gegenwartskomponisten Lettlands gehört. 2020 hatte Skani eine erste CD von Dubra veröffentlicht, auf der unter anderem seine zweite Sinfonie zu hören ist und die ihn als Könner (auch) dieses Genres ausweist. Die Orgelmusik habe für ihn aber eine ganz besondere Bedeutung, verriet mir der Komponist bei einem Telefonat. „Ich stamme aus einer gläubigen katholischen Familie und fand das geheimnisvoll auf eine Empore entrückte Instrument schon als Kind spannend. Heute liebe ich die Orgel ihrer vielen Möglichkeiten wegen und betrachte sie ein bisschen wie ein Orchester.“ Es ist das große Glück dieser Aufnahme, dass sie an einem Instrument eingespielt wurde, das wie kaum ein zweites die Potenz hat, (fast) alle nur denkbaren orchestralen Möglichkeiten farbintensiv in Szene zu setzen. „In Lettland gibt es keine bessere Orgel. Deshalb bin ich froh, dass meine beiden guten Freunde Ilze Reine und Aigars Reinis die Werke auf der ‚Walcker‘ spielen durften“, so Dubra.

Insgesamt zehn Kompositionen sind auf dem Album zu hören, die sich grob in drei verschiedene Werkgruppen unterteilen lassen. Die jüngsten, zumeist Ende der 90er und Anfang der 2000er Jahre entstandenen Werke tragen blumige Titel wie (in deutscher Übersetzung) „Die Sehnsucht nach den ewigen Hügeln“, „Die Berührung des Blicks der Gottesmutter Maria“ (beide 1999) oder „Meditation im Licht der mystischen Rose“ (2002). Wie der zuletzt genannte Titel vermuten lässt, handelt es sich hier um eher ruhige und meditative Stücke von großer Suggestivität, die mitunter die „ekstatische“ Orgelsprache von Messiaen aufrufen, ohne sie dabei je epigonal zu kopieren. Die zweite Gruppe umfasst Werke mit traditionell-(neo-)barocken Titeln wie „Ostinato, Fuga e quasi una Toccata“ (2011), „Toccata e Fuga“ (2023), „Toccata“ (2012 oder „Fantāzija un fūga“ (2020). Kreuzbrav-traditionell und nach „Schema F“ geht es hier aber gerade nicht zu. Denn oft fahren Cluster wie gleißende Blitze von oben messerscharf in den musikalischen Verlauf hinein. Man mag das, wie geschehen, als einen Ausweis von Dubras Modernität betrachten, ich selbst „lese“ diese Stellen durchaus inhaltlich – als zucke das Licht und die Stimme Gottes auf Saulus herab, um ihn zu blenden und einen Paulus aus ihm zu machen. Der dänische Komponist Otto Malling (1848–1915) lieferte mit „Paulus. Stemnigsbilleder for Orgel“, op. 78, die Vorlage dafür.

Die dritte Gruppe besteht nur aus einem einzigen Werk, der „Petite symphonie pour orgue à quatre mains“ (2021) und, wie man hinzufügen muss, für Schlagzeug (Gong und Glocke), die ebenfalls von den beiden Interpreten und Widmungsträgern betätigt werden. Wenn es um den Klang gehe, sei er „hoffnungslos Franzose“ sagt mir Dubra. Deshalb habe er die „symphonie“, die sich bewusst in die Traditionsreihe Franck, Widor und Vierne stellt, so zu registrieren versucht, dass sie möglichst französisch klingt. „Ich denke, dass ist auf der ‚Walcker‘ gut gelungen.“ Stimmt! Wie überhaupt nahezu alles auf diesem Album gelungen ist: Herrliche Werke, die das Beste aus der französischen, deutschen und lettischen Musiktradition in sich vereinigen, kongenial gespielt von zwei begnadeten InterpretInnen auf einem klangmächtigen romantischen Instrument, das in der Orgelwelt seinesgleichen sucht.

Dr. Burkhard Schäfer