Rezensionen
From Mendelssohn To Madness
Anastasiya Bazhenova
Etcetera Records KTC1866 (1 CD)
Von der Psychologie zur musikalischen Schönheit
Der Booklet-Text der Debut CD von Anastasiya Bazhenova erläutert wortgewandt den psychologischen Ansatz, den die Pianistin dem Programm ihrer CD unterlegt hat. Es handele sich um eine Reflektion der menschlichen inneren Veränderungen, die bedingt seien durch den Verlust von Stabilität in der äußeren Welt. Form, Klarheit, Proportionen und Schönheit böten Zuspruch und Trost und einen Weg der Selbstfindung, beispielhaft entdeckt in den „Liedern ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Aber bereits in seiner Fantasie op. 28 offenbare die Musik einen inneren Kampf zwischen der Sehnsucht nach Vollkommenheit und den Kräften, die sie verbergen wollen. Spätestens bei Prokofieff, und hier exemplarisch in seiner 6. Sonate op. 82, sei Musik nur noch Sinnbild für Zustände wie Furcht, Wut, Verzweiflung, Ironie, Melancholie, Verleugnung und Paranoia, wenngleich auch die formale Gestaltung als Ansatzpunkt eines Widerstandes erhalten bleibe. Die Musik wolle aber keine Harmonie mehr, sondern habe die Aufgabe bekommen, die Realität bloß zu stellen. Dieser Sinndeutung entsprechend nannte die Pianistin ihre CD „From Mendelssohn To Madness“. Man mag nun einen Diskurs anbrechen über die Frage, ob Musik immer nur die innere Befindlichkeit des Menschen und deren Veränderung darstellen wolle oder ob sie auch vielmehr Reaktion und Reflektion auf Beobachtungen der äußeren Welt sein könne, aber diese Thematik sagt wenig bis gar nichts über die eigentliche Bedeutung der vorliegenden Aufnahme aus. So sehr eine thematische Konstruktion eines CD Programmes grundsätzlich willkommen ist, so wenig gelingt hier der Versuch eine musikwissenschaftlich-philosophische Abhandlung in drei Musikwerke einer CD zu pressen.
Wendet man sich aber der Musik zu, ist auf dieser CD eine gelungene Abfolge wundervoller Werke in beachtenswerter Interpretation zu finden. Wie häufig bei Aufnahmen der „Lieder ohne Worte“ von Mendelssohn wählt auch Anastasiya Bazhenova eine Auswahl aus den insgesamt 32 Stücken der acht Hefte. Dabei widerstand sie der Versuchung Gassenhauer wie das „Venetianische Gondellied“ aufzunehmen und stellt vielmehr eine aus sechs Werken bestehende reizvolle Abfolge zusammen, die also solche den Eindruck einer wirkungsvollen Suiten Dramaturgie erweckt. Besonders erwähnenswert ist op. 67, Nr. 4, auch als Spinnerlied und beliebte virtuose Zugabe bekannt, bei der Bazhenova das Tempo zurücknimmt, zwar auf Kosten der thematischen Bögen, aber zugunsten eines wunderbar perlenden Klavierspiels, das dem Stück eine vollkommen andere Charakteristik verleiht. Ebensolches schafft die Pianistin auch bei dem folgenden op. 67 Nr. 2. Verhalten, zögerlich, fast rubatohaft ist hier die Deklamation. Wird hier Furcht, Melancholie, Paranoia ausgedrückt? Eigenschaften, die dem philosophischen Überbau des Booklettextes nach eher bei Prokofieff zu finden seien? Sehr wahrscheinlich, aber das ist gut so, denn diese Interpretation verleiht dem Werk eine vollkommen andere, fast schon unmendelssohnsche aber einnehmend ausdrucksstarke Schönheit.
Die Prokofieff Sonate ist das bemerkenswerteste der drei Werke auf dieser CD. Formal einem früheren klassischen Ideal folgend mit Viersätzigkeit, Sonatenhauptsatzform, ABA‘-Form und anderen Merkmalen entspricht sie der von Prokofieff selbst postulierten „klassischen“ der vier Grundlinien seiner Kompositionstechnik. Aber auch die Charakteristiken der anderen drei Linien finden sich wie exemplarisch in dieser Sonate. Angefangen bei den für Prokofieff typischen Dissonanzen und Harmoniefolgen, über pochende, fast stampfende Rhythmik bis hin zu lyrischen und ausdrucksvollen Melodien. Anastasiya Bazhenova wird dieser Gestaltungsweise in allem gerecht, vor allem die durchscheinenden Melodiebögen wirken sogar bei den kraftvollsten Dissonanzen klar und nachvollziehbar. Das virtuose Spiel, vor allem im letzten Satz der Sonate, ist genau und ansprechend ohne tendenziös zu wirken.
Obwohl insgesamt gut produziert macht sich doch stellenweise ein dumpfer und tiefenlastiger Klang vor allem bei den Mendelssohn Werken bemerkbar, der sich aber zum Prokofieff hin deutlich verbessert, so dass es dann noch mehr Spaß macht, den verschlungenen Wegen dieser Komposition zu folgen. Will man noch das Gesamtkonzept der CD beurteilen, gibt es einen weiteren Pluspunkt für die Gestaltung der Digipak-Hülle, die sich vor allem durch die Kreativität des Covers dankbarer Weise abhebt von der meistens eher konservativ geprägten Gestaltung. Schade aber wiederum, dass das Booklet wenig Informationen zu Werken oder Künstlerin enthält.
Anastasiya Bazhenova, geboren im russischen Woronesch, gab mit fünfzehn Jahren ihr Orchesterdebüt mit Schostakowitschs Klavierkonzert Nr. 2. Sie studierte u. a. an der Kunstakademie Woronesch bei Professor Arcady Dubovik und später in Norwegen bei Professor Jens Harald Bratlie. Bazhenova konzertierte solistisch und als Kammermusikerin bereits in ganz Europa und Nordamerika, wie z. B. bei ihrem Debüt in der Carnegie Hall in New York, Solokonzerten beim Palermo Classica Festival oder Konzerten in Wien und Oslo. Anastasiya Bazhenova beeindruckt auf ihrem Erstling von Mendelssohn bis Prokofieff, unabhängig von jedwedem programmatischen Konzept, und wir können uns sicherlich auf weitere hörenswerte Einspielungen dieser Pianistin freuen.
Jakob Dunkelmann (23.4.2026)
Schumann meets Jazz - Kinderszenen
Conrad Noll . Joerg Kaufmann . Mathias Haus
Solo Musica SM 557
(1CD)
Kinderszenen verjazzt?
Schumanns Kinderszenen und noch dazu verjazzt! Nahezu jeder Klavierschüler oder Anfängerin hat irgendwann einmal diese „Kinderszenen“ Op. 15 von Robert Schumann gespielt, diese 15 erzählenden Stücke mit den literarischen Überschriften!
Na, das kann ja was werden, dachte ich mir, als ich das Ding in den CD-Spieler legte. Noch dazu ohne Klavier, mit dieser merkwürdigen Dreier-Besetzung mit Vibraphon, Saxophon und Bass! Aber nach kurzem Improvisierendem Beginn war das doch "Von fremden Ländern und Menschen" klar erkennbar, und der zwar ungewöhnliche, aber durchaus faszinierende Klang machte aus dem wohlbekannten Klavierstück eben doch etwas ganz anderes, was mich durchaus begeisterte.
Die schwebende Leichtigkeit des Vibraphons mit der Grundierung von Bass und der melodischen Präsenz des Saxophons gab dieser Musik eine völlig neue Dimension, sehr ansprechend. Auch die mögliche Klanggestaltung von Conrad Noll, Joerg Kaufmann und Matthias Haus ergab immer wieder neue Variationen, die vor allem in den improvisierten "jazzigen" Teilen den "Kinderszenen" etwas Neues und Anregendes vermittelten.
Besonders die berühmte „Träumerei“ gewinnt in dieser Version durch den ätherischen Klang des Vibraphons etwas Surreales, Schwebendes, was gerade diesem Stück sehr gut tut. Mein Favorit der klaviermäßigen Version ist – neben Klara Haskils alter, aber nie altmodischer Aufnahme – die mit Lang Lang. Doch auch im „neuen Gewand“ samt den dazukommenden Improvisationen des Jazz-Trios der drei Musiker, die jeder für sich eine beeindruckende Jazz-Karriere aufzuweisen kaben, erweist diese Musik ihre Zeitlosigkeit und Güte.
Natürlich wartete ich immer gespannt auf die eigentliche Melodie, die aber durchaus zu ihrem angestammten Recht kam. Bei aller gut gespielten Improvisation war der Ausgangspunkt - was ja auch im Textheft angesprochen wird - dieser unsterblichen Stücke einem jeden Klavierspieler völlig klar: Schumanns Kinderszenen gehören zum musikalischen Kulturerbe. Im. Juni 2026 ist das Kaufmann-Trio im Rahmen des Düsseldorfer Festivals mit dieser Musik zu hören, und darauf kann man sich jetzt schon freuen!
Ulrich Hermann (17.4.2026)
JoJosé Antonio Bottiroli: Complete Piano Works 4
Fabio Banegas, Brno Philharmonic, Franceso Varela, Anton & Maite Piano Duo, Duo du Rève
Grand Piano GP959 (1CD)
Argentinien – nicht nur Gauchos, sondern spannende klassische Musik
Hier also die CD 4 des leider fast völlig unbekannten argentinischen Komponisten José Antonio Bottiroli. Sein Schüler Fabio Banegas hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Musik dieses Mannes aus der Vergessenheit ans Licht zu holen. Der Komponist, der praktisch sein ganzes Leben und Schaffen in der argentinischen Stadt Rosario verbrachte, hinterließ ein Mammutwerk für fast sämtliche Musik-Gattungen – außer der Oper.
Das erste Stück auf der CD ist ein sehr kurzes Klavierkonzert von nicht einmal fünf Minuten von 1955, doch es hinterlässt schon einen wichtigen Eindruck dieses Musikers: rhythmisch, melodisch, harmonisch sehr prägnant, trotz der Kürze.
Dieser Eindruck setzt sich in den folgenden Kompositionen durchaus fort: und ich frage mich: Warum kenne ich weder diesen Komponisten, noch seine Musik? Aber so ist es mit den vielen, vielen unentdeckten Komponisten und Komponistinnen, was nicht "Mainstream" ist, wir erst mal vergessen oder unter den Teppich der Alltäglickeit gekehrt. Bis eben jemand da ist - in diesem Fall ein Schüler - der sich dieser Musik annimmt, sie bekannt macht und dafür sorgt, dass es einen oder eine mehr gibt, deren Begegnung sich lohnt! Und das ist derzeit ja das Schöne: Es gibt noch unendlich viel zu entdecken und vorzustellen. Und darin liegt - bei aller derzeitigen Weltlage-Katastrophe - etwas Tröstliches: Kunst, Musik ist eben die andere Seite der Medaille.
Zu dieser CD. Die Klaviermusik -mit oder ohne Orchester, ob Solo oder im Ensemble - ist eine echte Bereicherung. Wie der amerikanische Musiker und Schriftsteller Nicolas Slonimski in einem seiner Bücher über südameranische Komponisten schreibt, dass es eben noch unendlich viel da zu entdecken und aufzuführen gibt. Und J.A. Bottiroli mit einer argentinischen Musik gehört dazu. Die argentinische Folkore ist ungeheuer reich mit all ihren indigenen Einflüssen, die auch in Bottirolis Musik zu hören ist, auch wenn seine Harmonik mehr in die Spätromantik tendiert. Was aber der Fasslichkeit keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Vieles erinnert an Chopin, Schumann oder die frühen 20er Jahre. Aber immer im tonalen, zugänglichen Rahmen, es gibt keine "atonalen" Experimente. Die Vielzehl seiner Klavierkompositionen zeigt einen Komponisten, der die Möglichkeiten seines Instrumentes bewusst und umfassend kennt und verwendet. Der keine verfremdenden "Spielereien" braucht, um spannende, gute Musik Zu schreiben.
Fabio Banegas, nicht nur Pianist, auch Musikwissenschaftler, der mit Bottiroli jahrelang zusammengearbeitet hat, und viele seiner handschriftlichen Kompositionen in druck- und spielfertige Ausgaben brachte, musiziert mit verschiedenen tschechischen und spanischen Musikern zusammen. Aber J.A. Bottiroli war nicht nur Musiker, er schrieb auch Poéme. Das
Booklet gibt darüber und über die Kompositionen ausführlich Auskunft.
Die Nr 4 nur eine von mehreren CDs ist, zeigt, wie viel von dieser Musik wieder oder noch zu entdecken ist. Das macht Lust auf mehr.
Ulrich Hermann (16.4.2026)
Joseph Haas: Klavierwerke Vol. 2
Gerit Lense
Ars Produktion 38672 (1CD)
Ein einstmals gefeierter Komponist und seine große Klaviersonate
Im Laufe der Musikgeschichte treffen wir häufiger auf den Fall, dass Komponisten zu Lebzeiten bekannt waren und als außerordentliche Künstler gefeiert wurden, nach deren Tod aber nahezu in Vergessenheit gerieten. So verhält es sich bei Joseph Haas, dessen 75. Geburtstag noch bei Festakten in beiden deutschen Ländern gefeiert wurde, der aber nach seinem Tod 1960 nur noch lokale Bedeutung hatte. Dass dieser Komponist und Musiklehrer, er selbst ein Schüler von Max Reger, trotzdem und zurecht Anerkennung findet, ist zum einen der Joseph-Haas-Gesellschaft e. V. zu verdanken, zum anderen aber auch der künstlerischen Beschäftigung mit seinem Werk wie dankenswerterweise auf vorliegender CD durch Gerit Lense.
Die in Wiesbaden geborene Schülerin von Bernd Glemser, die einem großen Publikum durch ihre rege Konzerttätigkeit und deren spannende Programme bekannt ist, legt hier den zweiten Teil mit Werken aus dem Klaviermusikschaffen von Joseph Haas vor. Im ersten Teil überzeugte Gerit Lense bereits mit Miniaturen der Sammlungen „Alte unnennbare Tage“ op. 42, „Hausmärchen“ op. 35 und „Eulenspiegeleien“ op. 39. Auf Volume 2 finden sich nun ebenfalls kurze Werke der „Hausmärchen“ op. 43 und die ersten beiden Sonatinen aus der Sammlung mit 4 Sonatinen op. 94.
Kernstück der CD ist jedoch die großangelegte viersätzige Klaviersonate in a-Moll op. 46, die in ihrer Länge und Komplexität sicherlich anderen großen Werken ihrer Gattung vergleichbar ist. Obwohl Haas weitestgehend auf schnelle 32tel-Figuren und rasche Läufe verzichtet, ist die Sonate nicht zuletzt aufgrund der Akkordsprünge, die teilweise den gesamten Ambitus des Klaviers ausnutzen, sehr anspruchsvoll in der pianistischen Technik, aber auch in der Gestaltung. Die 43 Minuten Spieldauer des Werkes sind für den Hörer aber ausgesprochen kurzweilig, was zum einen mit dem Abwechslungsreichtum der melodischen und klangfarblichen Gestaltung zusammenhängt, zum anderen mit der Vielschichtigkeit, mit der das thematische Material herausgearbeitet wird, hauptsächlich aber mit dem dranghaften musikalischen Vorwärtstreiben der Musik, das den Hörer in seinen Bann hält.
Der erste Satz beginnt kraftvoll und stürmisch, doch nach den wuchtigen Kaskaden des Hauptthemenkomplexes entspannt sich ein zauberhaftes Nebenthema, zunächst mit grollender Bassbegleitung, dann verklärter in höheren Lagen, das genießerisch die versammelten Emotionen und die Atmosphäre des romantischen Zeitalters ausatmet. Das sprunghafte und teilweise in einem schwingenden Dreier-Rhythmus gehaltene anschließende Scherzo deutet thematisch immer wieder das schelmische Gebaren eines mephistophelischen Walzers an.
Ein von Haas oft angewandtes Stilmittel ist die Vorstellung eines lyrischen oder melancholischen Themas mit anschließender Steigerung hin zu einem dramatischen oder auch hymnischen Ausbruch unter Zuhilfenahme der Zunahme der Lautstärke, Änderung der Klangfarben und Erweiterung der Register. So gelingt ihm beispielhaft im 3. Satz die Verwendung pastoraler Szenen neben dissonant-schmerzhaften und klagehaften Passagen in engster Nachbarschaft und wirkungsvoller Ableitung des einen vom anderen. Obwohl Haas, sicherlich zurecht, der Spätromantik zugeordnet wird, sind gerade in diesen dramatischen Ausbrüchen die Einflüsse des Impressionismus stark zu spüren. Im finalen Satz gelingt Haas eine mühelose Vereinbarung von Rondo- und Sonatenhauptsatzform, die im Kontrast gehaltenen Themen münden in einem choralartigen Hymnus, der nach einer kurzen Stretta das Werk beschließt.
Auch wenn die „Hausmärchen“ einen starken Kontrast zur Wuchtigkeit der a-Moll-Sonate bilden, gefallen diese ebenso aufgrund der ansprechenden Melodien und Vielseitigkeit der Gestaltung. Hier erkennt man eindrücklicher den Lehrer Max Reger, stellenweise wird man aber auch an die Miniaturen von Robert Schumann, wie z. B. dessen Kinderszenen erinnert.
Es ist ein außerordentliches Glück, dass sich die Pianistin Gerit Lense mit den Werken von Haas beschäftigt. Sie meistert nicht nur die anspruchsvolle Virtuosität der großen Sonate in vollendeter Weise, sondern findet auch in den lyrischen Momenten den passenden zarten Ton, immer gekonnt zwischen romantischer Stimmung und melodischer Klarheit changierend. Lense offenbart auf diesem Album ein großes Verständnis für die Musik von Joseph Haas. Die Hörer können sich bei ihr bedanken, nicht nur für die Einspielung seiner Werke auf CD, sondern auch für die Aufnahme von Joseph Haas in ihr Konzertprogramm. Und so hoffen wir auf eine baldige Renaissance dieses Komponisten, gebührend der Bedeutung und Schönheit seines musikalischen Schaffens. Spätestens 2029 wäre dafür eine gute Gelegenheit, dann nämlich kann die Musikwelt seinen 150. Geburtstag feiern.
Jakob Dunkelmann (25.3.2026)
Peace
Yury Revich
Ars Produktion 38698 (1CD)
Faszinierend Rätselhaft
Yury Revich ist einer dieser Künstler, deren Karriere nun schon seit jungen Jahren auch auf Alben ziemlich lückenlos dokumentiert ist. Im Alter von nur 21 Jahren nahm er als Violinist sein erstes Album auf. Anfangs noch bei SONY Classical unter Vertrag und dort mit virtuosen Werken von Andreas Romberg betraut, drohte seine Karriere mit dem nächsten Album, bei dem Piazzollas und Vivaldis Jahreszeiten-Zyklen auf der Speisekarte standen, ins „Typische“ abzudriften.
Irgendetwas schien sich dann aber in der Einstellung des Künstlers grundlegend geändert zu haben, denn zusammenfassend lässt sich sagen, dass Revich eigentlich seit etwa 2015 praktisch nur noch das zu machen scheint, was er selbst für richtig hält. Und das ist eine ziemlich bunte Mischung aus Einspielungen klassischer und moderner Werke, eigenen Kompositionen und sogar Ausflügen in die Pop- und Crossovermusik mit elektronischen Einflüssen. Auch in der Selbstvermarktung durch Promofotos fällt Revich seitdem aus dem Rahmen: mal futuristisch, mal modisch, mal kitschig, mal nüchtern: Die Person Yury Revich scheint viele Gesichter zu kennen.
Das im Februar 2026 erschienene, neue Album „Peace“ schlägt ganz in diese Kerbe. Es kombiniert eigene Kompositionen Revichs mit populärem Repertoire (teils in Bearbeitungen) aus dem Klassikkanon zu einem Komposit, das man durchaus als ungewöhnlich bezeichnen kann, und das sich auf jeden Fall den Gepflogenheiten des Klassik-„Betriebs“ entzieht.
Da wird Bachs berühmtes Präludium aus BWV1006 in der Onlineversion des Albums (doch dazu später mehr) in einer Revich’schen Eigenkomposition namens „Prelude No. 1“ für Violine und Akkordeon gewissermaßen gespiegelt: Zitate aus dem Präludium irrlichtern durch eine neo-klassische Architektur, die man mit der Richtung der viel gespielten neu-tonalen Komponisten wie etwa Yann Tiersen vergleichen könnte.
Dies setzt sich erst recht weiter fort in dem Stück „The Blooming Flower Of Hope“, welches für ein Projekt geschrieben wurde, bei dem Instrumente aus Kriegswaffen hergestellt wurden. Das Stück wird hier jedoch für Violine und Akkordeon dargeboten.
Und schon geht es nahtlos weiter mit einem Stück des australischen Komponisten Mark John McEncroe für Violine und Klavier, das einen gewissen Einfluss der französischen Impressionisten kaum verleugnen kann.
Stück für Stück für Stück fällt man von einem musikalischen Idiom ins Nächste, purzelt man durch die Musikgeschichte. „Wahrscheinlich sieht es so im Kopf von Yury Revich aus“, fällt einem da unweigerlich ein. Erik Satie trifft auf Kareem Roustom, Franz Schubert trifft auf Nimrod Borenstein, Jessie Montgomery trifft auf Erich Wolfgang Korngold und zwischendurch, Wegweisern gleich, steht immer wieder Eigenes von Revich selbst.
Das Album ergießt sich in einem unerschöpflichen Füllhorn verschiedenster musikalischer Stile, die von dem wunderschönen, silbrigen Geigenton Revichs durchwoben sind, der uns wie ein roter Ariadne-Faden durch dieses ebenso faszinierende wie verblüffende Album leitet.
Hat die CD-Version des Albums mit 22 Stücken schon so viel zu bieten, dass man sich fragt, wer sich so viel verschiedene Musik heute noch am Stück durchhört, wird man von der Online-/Streaming-Version des Albums vollständig erschlagen, denn die beinhaltet mit sage und schreibe 27 Tracks noch viel mehr und noch vielgestaltigere Musik.
Das Booklet bemüht sich, all diese verschiedene Musik irgendwie unter dem Dach des groß angelegten Oberthemas „Frieden“ zusammenzufassen, und auch, wenn sich dafür immer wieder gute thematische Argumente finden lassen, wirkt das eine oder andere doch auch reichlich konstruiert – Zitat aus dem Booklet: „Dieses Werk schafft eine Atmosphäre, die viele Hörer intuitiv mit Frieden verbinden.“ Naja…
Musikalisch ist „Peace“ jedenfalls ohne Fehl und Tadel. Yury Revich ist ein unbestrittener Meister seines Instruments und hat in den letzten Jahren zudem einen unverwechselbaren Personalstil gefunden, der diesem Album immer wieder ganz zauberhafte Glanzmomente verleiht. Zudem hat sich Revich für sein Album mit David Chen und Volodymyr Borodin (beide Klavier) und Basha Slavinska (Akkordeon) wirklich gute Mitmusiker(innen) eingeladen, die dem Niveau des Albuminitiators durchaus gerecht werden.
Die Bearbeitungen der „Klassiker“ (und da kann man heutzutage wohl auch getrost auch Satie und Massenet dazu zählen) geraten meist sehr überzeugend, man kann sich des Eindrucks aber nicht erwehren, dass das Album vielleicht noch etwas überzeugender gewesen wäre, wenn man aus „Peace“ einfach ein Doppelalbum gemacht hätte, bei dem alle Stücke vom 18. bis 20. Jahrhundert auf einer CD und alle neu komponierten Stücke auf der anderen CD untergebracht worden wären.
Im Endeffekt bleibt aber ein – trotz aller Rätselhaftigkeit bei der Auswahl und Zusammenstellung der Stücke – ein Album, das einen staunend und auch begeistert zurücklässt. Selten wird man einer künstlerischen Vision derart ungefiltert ausgesetzt. Und das befremdet eben erst einmal, denn es beinhaltet eine Art der Intimität, die man schlichtweg nicht erwartet. Ohne ihn zu kennen, kommt man dem Protagonisten des Albums sehr nah. Man möchte fast hinzufügen: in einer unangekündigten und ungefragten Nähe. Vor allem auch aufgrund der Entscheidung, bei vielen der Stücke keine Pausen zu setzen, ergibt sich eine Situation, die beim ersten Hören überwältigend sein kann. Die ganze Größe der Konzeption ergibt sich dann auch erst nach mehrmaligem Anhören. Manches wird aber wohl auch für immer einfach rätselhaft bleiben.
So kompromisslos und gleichzeitig unmittelbar zugänglich war ein Yury Revich-Album noch nie. Der Virtuose schafft die Quadratur des Kreises in einem Album, das wie kaum etwas anderes ein Abbild unserer Zeit ist, in der Stile, Genres und Konventionen sich immer mehr auflösen und im Prinzip für unwichtig erklärt werden.
René Brinkmann (24.3.2026)
Encore!
Dora Deliyska
hänsslerCLASSIC HC25062 (1 CD)
Ein Hoch auf die Zugabe!
Schon als Kind weiß man bereits, dass am Ende eines jeden Konzertes etwas Besonderes kommt. Ein Musikstück, dass wie bei einem Wettbewerb vom Künstler gefordert wird. Je lauter und länger geklatscht wird, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass der Pianist oder welcher Künstler auch da vorne steht, noch ein weiteres Stück spielen wird, oder vielleicht auch zwei oder drei. Ähnlich wie auf der Theaterbühne am Ende die Anzahl der Vorhänge eine Aussage darüber geben sollen, wie künstlerisch wertvoll und emotional ansprechend das Vorgetragene war, so sind es bei den Pianisten die Zugaben, die vermeintlich über dessen Klasse eine Aussage treffen sollen, und wenn diese auch noch entsprechend virtuos erklingt, umso besser. Es ist zu vermuten, dass dies kaum im Sinne der Musiker sein kann. Über Intention und Daseinsberechtigung von Zugaben wird seit langem und vielfach diskutiert. Konsens ist, dass, wenn ein solches Anhängsel das Konzert verlängern soll, es weise gewählt sein will, um nicht mit übertriebener Fingerfertigkeit den Rahmen zu sprengen oder auch mit einer politischen Konnotation den ganzen Abend zu überhöhen.
Sehr erfreulich ist daher, dass die Pianistin Dora Deliyska, die bereits für ihre Konzeptalben bekannt ist, auf ihrer neuen CD „Encore!“ keine Rausschmeißer versammelt, sondern nur solche Werke ausgewählt hat, die ein hohes Maß an Kontemplation besitzen. Darüber hinaus hat sie eine Aufteilung in drei Blöcke vorgenommen, die viel über den persönlichen Stil der Pianistin aussagt: Werke von Schubert, Werke, die besondere Klangfarben des Pianos herausstellen sollen und ein letzter Teil mit romantischer und virtuoser Musik. Daraus ergibt sich im Ganzen betrachtet so etwas wie ein eigenständiges Musikstück mit drei Sätzen, dessen virtuoses Schlussstück, eine „Toccata“ von Pierre Sancan, nun gleich wie eine Zugabe der Zugaben wirkt. Mit diesem Gesamtkonzept stellt Deliyska eindrücklich klar, dass für sie eine Zugabe eher weniger ein Kehraus oder Gassenhauer sein sollte, sondern vielmehr eine Musik, die sich abhebt vom Programm des vor dieser erklungenen Konzertes, eine andere Nuance des künstlerischen Ausdrucks der Pianistin und das eben auch z. B. mit solchen eher schlicht wirkenden aber inhaltsreichen Werken wie der „Impromptu in As-Dur“ von Franz Schubert.
In die Reihe der vier Schubert Werke des ersten Teils gesellt sich auch eine Klaviertranskription des ersten Satzes von Schuberts „Unvollendeter“, bei der es auch hier eben nicht um das spielerisch-virtuose geht, wie bei Sinfonie Transkriptionen oftmals, sondern vielmehr um den Ausdruck, der mit den Mitteln des Klavierklangs erreicht werden kann, und das gelingt Dora Deliyska hervorragend, indem sie Schuberts „Unvollendete“ zum Klavierstück umzuformen vermag.
Im folgenden zweiten Teil des Programms sind zwei Werke von Arvo Pärt eingearbeitet. In diesen Miniaturen beweist Dora Deliyska ihr wundervolles Vermögen den einfachen Melodien eine beseelte Sinnlichkeit und fast schon eine Stimmung nordischer Weitläufigkeit zu entlocken. Wie sehr würde man sich wünschen, nachdem die letzten Akkorde eines Scherzos oder Allegros des Konzertprogramms verklungen sind, zum Abschluss mit einer solchen kontemplativen Anregung in die Nachdenklichkeit des Abends entlassen zu werden.
Dora Deliyska, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, darunter den Supersonic Award, überzeugt durch ihr durchdachtes und in sich stimmiges Spiel. Bei Schubert, Rachmaninov und Liszt fließt diese Art Romantik durch ihre Finger, die berührt ohne zu übertreiben. Pärt ist klar, feinfühlig und eingängig gezeichnet. Bach wirkt konturiert mit einem wohlabgestimmten non legato. Besonders bemerkenswert zeigt sich Rachmaninovs „Moment Musical Nr. 5“, bei dem Dora Deliyska bei gleichzeitig erklingenden Tonhöhenlagen die unterschiedlichen Klangfarben dieser Lagen intensiv hörbar macht. Im letzten Teil strahlt Piazzollas „Tardecita Pampeana“ feierlich und für die Freunde virtuoser Fußwipper hat die Pianistin mit viel Vergnügen Fazil Says jazzige Fassung des „Alla Turca" Marschs eingefügt.
Vollkommen unabhängig von der musikalischen Leistung ist die Gestaltung des Booklets kritikwürdig. Auf die übliche Vorgehensweise, die Tracklist im Booklet mit erweiterten Informationen abzudrucken, wurde hier verzichtet und man muss sich mit der Auflistung auf dem Rückencover begnügen, die ein wenig unordentlich und teilweise schwer leserlich geraten ist und in der einige Informationen fehlen. So ist z. B. erst dem Fließtext zu entnehmen, dass es sich bei der Transkription des Schubert Sinfonie-Satzes um eine von Deliyska selbst erstellte Bearbeitung auf Grundlage der Übertragungen von Carl Reinecke handelt.
Wer bei „Encore!“ eine Sammlung schmissiger und virtuoser Bravournummern erwartet hat, wird enttäuscht. Beglückt wird hingegen jener, der sich intensiver mit dem Thema Zugaben auseinandersetzen möchte und sich eine abgerundete Sammlung gehaltvoller Miniaturen erhofft hat. Denn die finden sich auf diesem besonderen Album von Dora Deliyska ausgelotet, kontrastreich und pianistisch eindrucksvoll interpretiert.
Jakob Dunkelmann (20.2.2026)
Bella Furia - selten aufgeführte Arien von Paisiello, Piccinni, Mozart und Salieri
Shira Patchornik, CHAARTS Chamber Artists, David Castro-Balbi
Solo Musica SM553 (1 CD)
Rasende Gefühle
„Furie di donna irata“ tobt die Marchesa Lucinda im ersten Akt von Niccoló Piccinnis Oper „La buona figliuola“. Ihr Bruder möchte eine Gärtnerin heiraten und Lucinda will die unstandesmäßige Verbindung verhindern. Wut und Rachegelüste äußern sich in besagter Bravourarie, die gespickt ist mit Koloraturen und vokalem Zierrat aller Art. Ganz andere Gefühle bewegen Susanna in Mozarts „Figaros Hochzeit“. In dem Rezitativ und Rondo „Giunse alfin.. .. Al desio“, das die bekanntere „Rosenarie“ in der Wiener Wiederaufnahme 1789 ersetzte, macht die Zofe ihrem Geliebten eine doppelbödige zärtliche Liebeserklärung. Die beiden Arien sind in dem klug konzipierten Debütalbum „Bella Furia“ von Shira Patchornik enthalten. Die aufstrebende israelische Sopranistin und Gewinnerin zweier renommierter Gesangswettbewerbe, die sich bis jetzt vorwiegend im Barockfach einen Namen gemacht hat, widmet sich darin eher selten gespielten Opern aus der Mozartzeit. In der Zusammenstellung beleuchtet sie das Seelenleben von weiblichen Adligen und Bediensteten und knüpft dabei interessante Querverbindungen: so singt sie etwa zwei Soli aus „La serva onorata“, der 1792 uraufgeführten neapolitanischen Version des Figaro-Stoffes in der Vertonung von Piccinni. In „Ah ceffaccio d’assassino regt sich die Dienerin Livietta über die Avancen des Grafen aus, in „Dove sono“ (der Text ist mit dem von da Ponte fast identisch) erinnert sich die Contessa an glückliche frühere Zeiten mit ihrem untreu gewordenen Ehemann. All diese Szenen sind Ausdruck unterschiedlichster Gemütszustände, die Shira Patchornik Gelegenheit bieten, eine ganze Bandbreite von Gefühlen auszuloten. Die stimmlichen Voraussetzungen und die sichere Technik dafür hat sie: sie besitzt einen jugendfrischen Sopran von lieblichem, reinem Klang, eine geläufige Gurgel und die vokale Variabilität für die wechselnden Affekte. Zwei Beispiele: Im melancholischen Rondo der Baronessa in Salieris „La scuola de‘ gelosi“ überzeugt sie mit instrumental geführtem Legatogesang, in der Arie der herrischen Magd Serpina in Paisiellos „La serva padrona”gleichermaßen mit gestochen scharfen Verzierungen.
Das Schweizer Kammerensemble Chaarts begleitet Shira Patchornik mit klanglicher Sensibilität und spielerischer Verve. Im Alleingang präsentiert es am Ende des Albums Mozarts zwanzigminütiges Divertimento in D-Dur. Das ist eine feine, rein orchestrale Ergänzung, doch wären ein, zwei weitere Arien nicht passender gewesen?
Karin Coper (13.2.2026)
Reinhard Keiser – Der angenehme Betrug oder Der Carneval von Venedig
barockwerk hamburg – Ira Hochman
cpo 555 581-2 (2 CDs)
Liebeskarussell im Karneval
Beim Karneval von Venedig, seit dem Mittelalter eine besondere Attraktion der Lagunenstadt, spielen die Hormone verrückt. Celinde will frei sein und sich ohne komplizierte Beziehungskonflikte vergnügen, ihr Verehrer Myrtenio muss sich dem fügen. Leonora und Leandro, Isabella und Rudolfo verzehren sich indes in Liebesqualen. Eifersucht, daraus resultierende Mordgelüste, Lügengespinste machen ihnen das Leben schwer. Um die verwickelten Amouren dieser drei Paare kreist „Der angenehme Betrug oder der Carneval von Venedig“ des deutschen Barockkomponisten Reinhard Keiser. Er entwickelte sich nach seiner Uraufführung 1707 in der Hamburger Gänsemarktoper zu einem Publikumshit, der bis Mitte des 18. Jahrhunderts anhielt. Danach geriet er in Vergessenheit, bis die Dirigentin Ira Hochman einen großen Teil der Musik wiederentdeckte, die Nummern rekonstruierte und sie mit weiteren Arien von Keiser und einigen seiner Zeitgenossen komplettierte. In dieser Form und mit neu verfassten Rezitativen wurde „Der Carneval von Venedig“ in Altona und Innsbruck semikonzertant aufgeführt und anschließend für cpo eingespielt – allerdings ohne Zwischentexte, wodurch die Handlung schwer nachzuvollziehen ist. Gleichwohl bietet Keisers Oper rein musikalisch genug Abwechslung. Zweiteilige Arien, teils im deutschen, teils im italienischen Stil, illustrieren die zwischen Empfindsamkeit und Leidenschaft pendelnden Affekt-Turbulenzen. Es gibt etliche köstlich instrumentierte Stücke, beispielsweise die nur von Oboe und Basso continuo begleitete Cantata der Leonora, in der sie sich den Tod wünscht. Oder Rudolfos Klage an den Mond mit korrespondierenden Flöten und Streicherpizzicati. Für weitere Kurzweil sorgen Maskenchöre, Tänze und volkstümliche Orchestereinlagen, die die Buntheit und Nationenvielfalt eines Karnevals widerspiegeln. Die Aufnahme, ausgestattet mit einem ausgesprochen informativen Booklet, sprüht vor Lebendigkeit. Ira Hochman spornt das von ihr gegründete barockwerk hamburg zu theatralischer Vitalität an: es wird so kontrastreich wie dynamisch variabel musiziert. Die drei Sopranistinnen Hanna Zumsande, Fanie Antonelou und Anna Herbst sind in punkto vokaler Stilsicherheit, Virtuosität und Stimmfrische ebenbürtig, die Baritone Matthias Vieweg und Andreas Heinemeyer stehen ihnen in nichts nach. Eine originelle Farbe bringen die beiden Bediensteten ein. Ihre Soli sind auf Plattdeutsch, sie drehen sich um Alltagssorgen und -freuden. Geneviève Tschumi als Köchin Trintje singt schön, fast zu schön, denn die Figur könnte mehr Deftigkeit und Pointiertheit vertragen. Dafür macht Mirko Ludwig (der auch den Myrtenio gibt) aus dem Mummelied des „lustigen Sachsen“ Brillo ein Kabinettstück. Im versöhnlichen Finale stimmen alle den Chor an: „So kann uns diese schönste Zeit auch die schönste Freude geben“. Bezogen auf Keisers Oper bereitet sein Karneval auch beim reinen Hören viel Plaisir.
Karin Coper (16.12.2025)
Vers La Vie Nouvelle - Werke von Lili Boulanger, Nadia Boulanger, Germaine Tailleferre und Francois Poulenc
Evgenia Nekrasova
Ars Produktion ARS 38688 (1 CD)
Komponistinnen am Aufbruch zu einem neuen Leben
In den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts ist die Gleichberechtigung der Frau nach wie vor ein großes Thema und wird es aus Mangel an hinreichenden Erfolgen auch noch länger bleiben. Im allgemeinen Bewusstsein bleibt der Blick auf die Geschichte der Emanzipation der Frau meist bei den Auswirkungen der 68er-Bewegung und Namen wie Alice Schwarzer hängen. Oft wird übersehen, dass in der Neuzeit emanzipatorische Bewegungen bereits seit dem 19. Jahrhundert existierten, angefangen bei den Nachwehen der Französischen Revolution bis zur Bewegung der sogenannten „Suffragetten“. Dass diese Bestrebungen Folge einer ausgeprägten Ungleichbehandlung waren, lässt sich in größerem Maße auch im Künstlertum wiederfinden. Das ausführliche und informative Booklet der hier vorliegenden CD berichtet von der nahezu tragischen Geschichte von Clara Schumann, die in den 1840er Jahren in Bezug auf ihre Kompositionstätigkeit letztlich resignierte und das Feld den Männern überlies, als einleitendes Beispiel. Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich bereits ein selbstbewussteres Auftreten der Komponistinnen, dem die Pianistin Evgenia Nekrasova auf ihrer neuen CD hauptsächlich mit Werken von Lili und Nadia Boulanger und Germaine Tailleferre nachgeht. Der Titel der CD „Vers La Vie Nouvelle“ – Auf dem Weg zu einem neuen Leben – bezieht sich dabei nicht nur auf eines der Werke von Nadia Boulanger, sondern steht ebenfalls sinnbildlich für die musikalischen und persönlichen Entwicklungen der Komponistinnen sowie den Aufbruch in eine Zeit, die auch auf der künstlerischen Ebene die Selbstbehauptung der Frau in einer männerdominierten Welt bedeutete.
Besonders spannend ist gerade die Nebeneinanderstellung der Werke der Geschwister Boulanger, die beide zunächst noch in der Übergangszeit der Spätromantik zum Impressionismus komponierten. Trotz ähnlicher kompositorischer Grundgestaltung und Ästhetik erkennt man die feinen Unterschiede in der Detailausführung, Melodik und besonders der Klangfarben. Bei Lili Boulanger überwiegt das Schwermütige und Melancholische, wie schon im ersten Stück der CD, dem „Prélude“ in Des-Dur mit seinen schweren Akkorden und dem großen Ambitus zu hören ist.
Die drei anschließenden Miniaturen „Trois morceaux“, die alle starken oder bedeutenden Frauen gewidmet wurden, wirken wie Kindheitserinnerungen, wobei die ersten beiden eher dramatisch oder besinnlich sind, das dritte mit seinen spielerischen Figuren jedoch beschwingte Züge annimmt. Gerade in diesem, „Cortège“ betitelten Stück beweist Evgenia Nekrasova ein eindrucksvolles Non-Legato-Spiel und ergründet die Zerbrechlichkeit und Komplexität der musikalischen Figuren.
Unbeschwerter und weniger sperrig wirken die darauffolgenden „Trois petites pièces“, drei Miniaturen, die den Drang zum Impressionismus bei Nadia Boulanger gut zum Ausdruck bringen. Zurück zu tiefster Schwermut kehren wir wieder bei „Thème et variations“, in denen Lili Boulanger das Thema von dramatischen Bassklängen ausgehend nicht nur über Bewegungs- und Tempoänderungen variiert, sondern gleichfalls auch durch raffinierte Veränderungen der Schärfe der Harmonik führt, bis es wieder zur Schwere der Bassläufe zurückfindet. Evgenia Nekrasova lässt hier ohne Zurückhaltung der Dramatik und Schwere ihren Lauf.
Das enge Verhältnis der beiden Schwestern lässt sich vor allem in dem Stück „Vers la vie nouvelle“ spüren, das Nadia Boulanger vermutlich unter dem Eindruck der tödlichen Krankheit ihrer Schwester geschrieben hat, die 1918 mit nur 24 Jahren verstorben ist. Man mag diesen kompositorischen Grundgedanken in dem musikalischen Bogen erkennen, der in dem eindringlichen Werk von trauernder Schwermut ausgehend über eine versöhnliche Melodiegestaltung bis hin zu einem nahezu pastoralen Schluss gespannt wird.
Während die Werke von Lili und Nadia Boulanger eher fragil oder fast unsicher wirken, treten die Kompositionen von Germaine Tailleferre in sich ruhend, dominant, nahezu vorwärtsgreifend auf. Es lässt sich vermuten, dass dies mit der persönlichen beruflichen Entwicklung zusammenhängt, die gegensätzlich zu denen der Geschwister Boulanger verlief. Während diese schon von Geburt an in der musikalischen Kunst gefördert wurden, musste Tailleferre sich gegen den Willen ihrer Eltern durchsetzen und ihre Ausbildung auf heimlichen Wegen antreten. Der große Erfolg blieb aber nicht aus und führte schließlich auch zur Aufnahme in die Groupe des Six als einzige Frau.
Wenn auch Francis Poulenc, ebenfalls Mitglied der Groupe des Six, als männlicher Vertreter dieser Komponistengeneration nicht in das Konzept des Albums zu passen scheint, ist die Aufnahme der vier kleineren Werke des Komponisten als Abschluss der CD-Aufnahme aus künstlerischer Sicht höchst willkommen, da somit eine weitere charakteristische Ausprägung impressionistischen Komponierens ergründet wird, das in diesem Fall stärker an der Romantik orientiert war als das seiner hier vorgestellten Kolleginnen.
Evgenia Nekrasova, die ihre pianistische Ausbildung an der Hochschule für Musik in ihrer Heimatstadt Minsk begann, machte ihren Abschluss an der Musikhochschule in Köln mit Auszeichnung. Sie ist Preisträgerin mehrerer Klavierwettbewerbe und gleichfalls gefragte Solopianistin wie auch Kammermusikerin, so z. B. als Mitglied beim Ensemble Ars Millennium. Die programmatische Zusammenstellung der Werke auf der vorliegenden CD ist Ausdruck ihres ausgeprägten Interesses an der Musik aus der Hand von Komponistinnen. Evgenia Nekrasovas Spielweise ist leichthändig virtuos und auf eine angenehme Art nicht zu romantisierend. Der Wechsel von harmonischen Sphären geht bei ihr einher mit einem luziden Übertritt von einer Klangfarbe zur anderen.
Einem aufgeklärten Publikum scheint die aktuelle Präsenz von Frauen, die sich seit den Zeiten Boulangers und Tailleferres zahlreich der Kompositionskunst gewidmet haben, eine Selbstverständlichkeit zu sein, trotzdem ist das Fach der Komposition offensichtlich immer noch eine Männerdomäne. Woran dies liegen mag, ist zu diskutieren. Die CD von Evgenia Nekrasova bietet nicht nur ein reizvolles Spektrum der Werke der Komponistinnen am Anfang dieser Entwicklung, sondern trägt auch gewinnbringend zu einer weiteren Auseinandersetzung mit diesem Thema bei.
Jakob Dunkelmann (29.11.2025)
Andris Dzenītis
Symphonien Nr. 1 & 2; The Lonely Pine Tree
Liepāja Symphony Orchestra, Guntis Kuzma, Christian Lindberg
SKANI - LMIC SKANI 177 (1 CD)
Interessante Pseudo-Symphonien aus Lettland
Der lettische Komponist Andris Dzenītis ist hierzulande noch kaum bekannt. In seiner Heimat Lettland gehört er aber schon seit den 1990er-Jahren zu den wichtigsten Stimmen in der neuen symphonischen Musik des kleinen Lands mit der großen Musiktradition.
Nun hat das lettische Label SKANI ein Album mit drei Orchesterwerken des Komponisten aus den Jahren 2017 bis 2024 vorgelegt. Darunter befinden sich zwei einsätzige „Symphonien“ und ein Stück namens „The Lonely Pine Tree“, welches ich am ehesten als Symphonische Dichtung einstufen würde, der Komponist selbst spricht von einer „Fantasie“.
Die Werke sind auf der Aufnahme nicht chronologisch angeordnet. Es beginnt mit der Symphonie Nr. 1 von 2017. Im Beiheft zur CD erfahren wir ausführliche Hintergründe zum Werk, geschrieben vom Komponisten selbst. Zwar ist das alles sehr interessant zu lesen, jedoch hätte man sich vor allem eine Stellungnahme dazu gewünscht, warum Dzenītis hier von einer „Symphonie“ spricht, denn mit einer Symphonie nach klassischer Sonatenhauptsatzform hat sein Stück natürlich rein gar nichts zu tun. Nicht einmal mit den stark „aufgebohrten“ Symphoniekonzepten von z.B. Sibelius oder Schostakowitsch kommt man hier weiter. Im Prinzip handelt es sich also einfach um groß besetzte Orchesterwerke ohne Solisten.
Nimmt man nun noch die Erläuterungen des Komponisten hinzu, der aussagt, dass das Werk Emotionen in einer Welt widerspiegelt, die von Schnelllebigkeit, Unruhe, sozialem Auseinanderdriften und dem weiter beschleunigenden Effekt der digitalen Medien geprägt ist, wird man doch schnell gewahr, dass es sich hier ebenfalls eher um eine Symphonische Dichtung handelt als um eine Symphonie.
Die Musik ist interessant und bewegt sich entlang einer Traditionslinie, die mit dem Sinfonischen Spätstil von Sibelius begann: Statt thematischer Entwicklungen, gibt es – wenn man so will – langsame, musikalische „Kontinentalverschiebungen“. In jüngerer Zeit könnte man als Vergleich am ehesten wohl Lepo Sumera und Axel Borup-Jørgensen heranziehen, und in der Tat klingt Dzenītis‘ „Symphonie“ wie eine Art Mischung aus Sumeras dritter Symphonie und Borup-Jørgensens Monumentalwerk „Marin“. Wer sich damit anfreunden kann, wird sicherlich auch an Dzenītis‘ erster Symphonie Gefallen finden.
Auf dem Album geht es weiter mit „The Lonely Pine Tree“ aus dem Jahr 2024, das vom Stil her ganz anders daherkommt als die aufgewühlte erste Symphonie. Das Stück eröffnet lieblich, beinahe spätromantisch, und man fühlt sich plötzlich eher an Dvořáks „Symphonie aus der Neuen Welt“ erinnert, als an Sumera und Borup-Jørgensen. Die Erklärung finden wir wieder im Booklet: Anscheinend handelt es sich hier um eine Fantasie über ein Fragment eines Werks des lettischen Komponisten Emīls Dārzīņš, der anscheinend vor allem für seine lyrisch-sakrale Chormusik bekannt war und zwischen 1875 bis 1910 lebte. Das passt also ins Bild. Während die Musik fast rein spätromantisch beginnt, wird der Stil nach einer langen Ruhephase ab etwa Minute sechs wieder expressiver und es hält die „musikalische Tektonik“, Einzug, die wir schon von der ersten Symphonie her kannten. Mir gefallen dieses Konzept und überhaupt das gesamte Stück sehr gut.
Die sogenannte Symphonie Nr. 2 aus dem Jahr 2021 beginnt mit viel Geknatter und macht gleich klar, dass wir uns von der Romantik wieder in die unmittelbare Gegenwart begeben. Laut Notizen des Komponisten geht es in dem Werk um reine Abstraktion: Dauer, Klangfarbe, Raumwirkung. Geschrieben inmitten der Coronakrise reflektiert die Komposition eine generelle Zeit der Unsicherheit, aber wohl auch eine Zeit persönlicher Krisen und Sackgassen.
Ich finde das Werk insgesamt sehr viel überzeugender als die Symphonie Nr. 1. Man merkt, dass Dzenītis durch den Kompositionsprozess an der Ersten gelernt hat und anscheinend genau wusste, wie er seine Zweite nun angehen wollte. Die gesamte Komposition wirkt gut durchdacht und macht den Eindruck einer handwerklich reifen Arbeit. Der Ähnlichkeit mit Sumeras Werk ist noch stärker spürbar als in der Ersten, dazu gesellt sich diesmal eine Reminiszenz an repetitiv arbeitende Komponisten hinzu, vielleicht würden einem da Colin McPhee in den Sinn kommen oder Lou Donaldson.
Ein großes Kompliment gebührt dem ausgezeichnet aufspielenden Liepāja Symphony Orchestra unter der Leitung von Guntis Kuzma bei den Symphonien und Christian Lindberg bei „The Lonely Pine Tree“, dies, zumal es sich teilweise um Live-Aufnahmen handelt. Das anspruchsvolle Repertoire ist bei dem Orchester wirklich in besten Händen. Da auch vonseiten Klangqualität und Produktgestaltung und -Qualität nur Positives zu berichten ist, kann man nur eine Empfehlung aussprechen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass man sich mit der etwas eigenwilligen Musiksprache von Andris Dzenītis anfreunden kann.
René Brinkmann (13.11.2025)
Femmes de légende
Klaviermusik von u.a. Clara Schumann, Fanny Mendelssohn, Lili Boulanger, Cécile Chaminade, Louise Farrenc, Johanna Senfter, u.a.
Nareh Arghamanyan
Hänssler Classics HC25026 (1 CD)
Willkommenes Comeback einer großen Pianistin
Nareh Arghamanyan ist eine Pianistin, die schon früh immer auch mit Einspielungen Aufsehen erregt hat. Nach einer hochkarätigen Ausbildung und dem Gewinn namhafter Wettbewerbe debütierte sie auf dem CD-Markt zunächst 2009 mit einer Albumaufnahme von hoch virtuosem Repertoire beim audiophilen, kanadischen Analekta-Label, bevor sie ab 2012 einige Jahre lang einen Albumvertrag mit dem Philips Classics-Nachfolgelabel „Pentatone“ hatte. Damals erschienen die Aufnahmen, die sie international bekannt machten: Vor allem die beiden Liszt-Klavierkonzerte mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung von Alain Altinoglu wurden von der Musikkritik ganz zu Recht mit höchsten Bewertungen ausgezeichnet, mehrere weitere Alben folgten.
2018 überraschte die Pianistin mit der Einspielung von Franz Danzis Klavierkonzert in Es-Dur mit dem Münchner Kammerorchester unter Howard Griffiths beim SONY Classical-Label. „Überraschte“ deswegen, weil es sich eher um Nischenrepertoire handelte und zudem vom Werk her um eine Komposition, die sich eher noch von der Mannheimer Schule ableitete. Von Arghamanyan war man bisher ja eher die virtuosen Schwergewichte der Klavierliteratur gewohnt.
Nach dem Danzi-Album gab es einige Jahre gar keine CD-Produktion bei einem namhaften Label, allerdings veröffentlichte die Pianistin mit kleineren Digitallabels weiter Alben exklusiv für den Streamingmarkt. Unverständlich, warum sich dafür anscheinend bislang kein Label als Lizenzpartner für CDs finden ließ.
Nun liegt ein neues Album unter dem Titel „Femmes de légende“ vor, das endlich wieder in einer Umgebung erscheint, die der Pianistin auch würdig ist. Und so dürften sowohl das süddeutsche Hänssler-Label als auch die Pianistin von der neuen, gemeinsamen Zusammenarbeit profitieren.
Auch thematisch setzt Arghamanyan ein starkes Statement und setzt in Kooperation mit dem Südwestrundfunk auf ein Klavierrecital, das komplett aus Musik von Komponistinnen besteht. Die Bandbreite reicht vom Spätbarock Anna Bon di Venezias bis zu Spätromantik und früher Moderne. Die ausgewählten Stücke reichen von kontrapunktischer, barocker Meisterschaft hin zum schwelgerischen, an Chopin angelehnten Stil Cécile Chaminades oder den emotional abgründigen „Thème et variations“ der tragisch jung verstorbenen Lili Boulanger.
Während man einige Namen inzwischen fast selbstverständlich zu den „Großen“ zählt (z.B. Clara Schumann, Fanny Mendelssohn, Louise Farrenc… – da hat sich zum Glück viel getan in der Wahrnehmung), gibt es einige Komponistinnen, die noch zu entdecken sind, wie z.B. Else Schmitz-Gohr mit ihrer ebenso eigenwilligen wie faszinierenden „Elegy“ für die linke Hand, oder Ilse Fromm-Michaels mit ihrem „Langsamen Walzer“, der in einem merkwürdigen Zwischenreich zwischen Chopin und Sibelius irrlichtert – faszinierend!
Man könnte mit dem Namedropping munter weitermachen, aber das würde nicht darstellen, wie gelungen dieses Album als „Gesamtpaket“ erklingt. Gerade die Zusammenstellung macht den wesentlichen Reiz aus. Da ist wohl auch der SWR als Kooperationspartner zu loben, der auch für den wunderbar natürlichen Klavierklang verantwortlich zeichnet, der mit genau der richtigen Dosis Raumklang angelegt ist.
Nareh Arghamanyans Spiel ist über jeden Zweifel erhaben: Ihre Staunen machende Virtuosität ist niemals Selbstzweck oder „Show“, sondern steht immer im Dienst des Werks. Auch wenn sie Rubati einsetzt, wirkt das nie willkürlich, sondern immer werkdienlich und folgerichtig. Letzen Endes fasziniert aber vor allem der emotionale Aspekt der Aufnahme, an dem man merkt, dass diese Musik der Pianistin wirklich viel bedeutet.
René Brinkmann (26.10.2025)











